Das Heilige wiedergewinnen
Predigt über 2. Mose 3, 1-10
am 28.1.2012 in Bopfingen und Oberdorf
Pfr. M. Rau
Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb.
Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde.
Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.
Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich.
Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!
Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.
Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. So geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.
Mose vor dem brennenden Dornbusch. Das ist eine der ganz wichtigen Geschichten für unseren Glauben. Und zugleich unwahrscheinlich fremd für uns.
Mose wird neugierig, als er diesen seltsamen Busch sieht, der brennt und doch nicht verbrennt, und will sich die Sache genauer anschauen.
Und dann: „Halt, bleib stehen! Zieh die Schuhe aus, das Land, auf dem du stehst, ist heilig.“ Mose erschrickt und verhüllt er sein Gesicht – weil er Angst hat, Gott anzuschauen.
So eine Angst ist uns fremd – fremd geworden. Es gab eine Zeit, auch bei uns, in der man in der Kirche höchstens zu flüstern wagte.
Aber seit den revolutionären 60-er und 70-er Jahren hat sich so viel verändert. Damals war die Zeit, in der zum ersten Mal Bands mit E- Gitarre und Schlagzeug in der Kirche Musik gemacht haben. Vorher war solche Musik für einen Gottesdienst undenkbar. Und ich weiß noch gut, wieviel Spaß es mir als jugendlichem Mitarbeiter in der Gemeinde gemacht hat, frischen Wind in Kirchengebäude und Gottesdienst zu bringen.
Für uns junge Christen Ende der 70-er Jahre war eine Kirche ein Raum wie jeder andere, nur halt ein bisschen unpraktischer gebaut und schon ziemlich alt. Haus Gottes? Wir haben damals versucht, die Kirche zu unserem Haus zu machen, zum Haus der Menschen, dass die gerne kommen, natürlich auch die Jugendlichen.
Und so haben viele gedacht: Für uns Evangelische ist die Kirche kein besonders heiliger Ort. Denn Gott ist ja überall. Und deshalb ist alles gleich heilig. Für den Gottesdienst braucht man kein Kirchengebäude. Alles, was wir tun, jede Arbeit und jedes Gespräch kann Gottesdienst sein. Und wenn man feiern will, kann man überall Gottesdienst feiern, auch im Grünen, auch im Bierzelt. Seit den 70-er Jahren ist in den Kirchen vieles lockerer geworden.
„Gott ist überall“, war das Schlagwort. Und man hat gehofft, Gott so den Menschen näher bringen zu können, die von sich aus nie eine Kirche betreten haben. Auch indem man gesagt hat: Ihr habt ja recht. Niemand braucht ein schlechtes Gewissen haben, wenn er nicht in die Kirche geht. Jeder kann für sich selber glauben und beten.
Was man damals gesät hat in der evangelischen Kirche ist sehr schnell aufgegangen. Aber ganz nebenbei ist aus „Gott ist überall“ geworden: „Gott ist nirgends“.
In der evangelischen Kirche ist vieles sehr locker geworden. Aber das Heilige ist verlorengegangen.
Doch was ist das Heilige überhaupt? In der Geschichte von Mose und dem Dornbusch merken wir eine Begleiterscheinung des Heiligen. Was heilig ist, löst beim Menschen Furcht aus:
Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.“
Heilig bedeutet, dass etwas ausgegrenzt ist aus der alltäglichen Welt. Die Grenze wird oft deutlich markiert. Im alten Israel hatten die Tempel immer eine Mauer außen herum. Nicht etwa, um den Tempel vor den Menschen zu schützen, sondern um die Menschen davor zu bewahren, den heiligen Ort unüberlegt zu betreten. Denn, war man überzeugt, es ist gefährlich, einfach so in den Tempel hineinzustolpern. Im Tempel wohnt der mächtige Gott.
Natürlich ist niemand gestorben, wenn er trotzdem unbedacht in den Tempel hineingestolpert ist. Die Heiligkeit des Ortes ist etwas Symbolisches. Doch das Symbolische steht für die Wirklichkeit: wenn wir mit Gott zu tun bekommen, kann das für uns lebensgefährlich werden.
Das verstehen wir heute nicht mehr von selbst. Schon seit mehreren Generationen haben Eltern und Religionslehrerinnen und Pfarrer den Kindern beigebracht, dass sich vor Gott niemand fürchten braucht. Das war die Reaktion darauf, dass in den Generationen vorher die Eltern ihren Kindern mit Gott gedroht haben: „Gott sieht alles, was du tust. Und er wird dich strafen.“
Das war verkehrt. Denn so ist Gott nicht. Gott ist kein übergroßer Polizist. Die Angst, die Mose am Dornbusch gepackt hat, war nicht die Angst vor Strafe. Sondern das war ein abgrundtiefes Erschrecken.
Dieses abgrundtiefe Erschrecken können wir auch noch erleben. Am deutlichsten spüren wir es, wenn wir dem Tod begegnen. Das merke ich immer wieder bei Angehörigen, wenn jemand gestorben ist. Da, wo Angehörige und Ärzte gegen den Tod gekämpft haben. Und dann mussten sie kapitulieren vor dieser ungeheuren Macht, die einem Menschen das Leben nimmt, wo niemand etwas entgegensetzen kann, nicht die Medizin, nicht die Liebe der Angehörigen, nicht, dass die Kinder die Mutter doch noch so nötig brauchen würden.
Wenn wir direkt beim Sterben dabei sind, können wir etwas von dieser ungeheuren Macht spüren. So fühlt sich Gott an.
Und wenn wir das spüren, merken wir auf einmal, wie klein und wie ausgeliefert wir Menschen sind. Dass wir dieser Macht – Gott – nichts entgegensetzen können.
Ein wenig abgeschwächt begegnen wir derselben Macht auch in dem, was man „Naturgewalten“ nennt, im Sturm, im Gewitter, in Überschwemmungen, in Erdbeben, Tsunamis.
Das Wort „Naturgewalt“ ist noch nicht sehr alt. Es kommt schon aus der Zeit, wo man sagen wollte: das ist natürlich, das hat alles nichts mit Gott zu tun,. Nicht Gott schleudert Blitze, das ist elektrischer Strom. Wir können das alles erforschen und verstehen – und irgendwann beherrschen.
Doch sobald wir einmal so eine Gewalt zu spüren bekommen haben ist uns klar, dass Menschen sie nie werden beherrschen können. Gegen starke Erdbeben und Tsunamis kann sich nicht einmal eine Industrienation wie Japan zur Wehr setzen.
Und die Gewalten, die im Sturm der Atmosphäre oder im Inneren der Erde am Werk sind, sind ja nur ein Schatten dessen, der Himmel und Erde geschaffen hat.
Der Ursprung aller Religion liegt in diesem Gefühl des Ausgeliefertseins: wir sind auf Gedeih und Verderb ausgeliefert an ungeheure Gewalten und zuletzt an diese gigantische Macht, die größer und stärker ist als Himmel und Erde.
„Religion ist das Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit“, hat es Friedrich Schleiermacher anfangs des 19. Jh. formuliert. Religion kommt aus dem Gefühl, dass wir selbst unser Leben nicht im Griff haben und nie in den Griff bekommen werden. Und dann, in einem zweiten Schritt, ist Religion der Versuch, mit dieser übermächtigen Macht, mit Gott, in Verbindung zu treten.
Am Donnerstag hatten wir Pfarrer eine Fortbildung über Notfallseelsorge an der Schule, wenn ein Schüler stirbt oder nach einem Amoklauf. Der Referent konnte uns erzählen, wie solche Katastrophen Jugendliche manchmal völlig aus der Bahn werfen. Nicht alle, aber viele.
Und zwar deshalb, weil viele Jugendliche von klein auf in der Überzeugung leben: ich bekomme alles, was ich will. Schon kleine Kinder merken ja ganz schnell, welche Macht sie haben: sie brauchen nur die Eltern lange genug zu nerven, dann bekommen sie, was sie wollen. Und diese Überzeugung: ich kann bei den Erwachsenen alles durchsetzen, ich habe die Macht, oft die ganze Schulzeit hindurch nicht ernsthaft angekratzt.
Doch bei einem Amoklauf, wo Mitschüler im Klassenzimmer erschossen werden, zerbricht dieses Weltbild und Selbstbild. Den Jugendlichen wird klar, dass sie in Wirklichkeit überhaupt keine Macht haben. Und dann kann der Halt komplett wegrutschen. Denn wenn ich meine Welt nicht im Griff habe – und die Erwachsenen offenbar ja auch nicht, wie man bei einem Amoklauf deutlich sieht – wer hat sie dann im Griff?
Als der Theologe Schleiermacher Anfang des 19. Jahrhunderts seinen Satz über die Religion formuliert hat („Religion ist das), war das noch ein bisschen anders. Die Menschen damals kannten das „Gefühl der schlechthinigen Abhängigkeit“ noch. Denn die allermeisten Menschen waren Bauern. Und weil man sich das Essen nicht aus 1000 km Entfernung herfahren lassen konnte, war man auf das angewiesen, was auf den Äckern ums Dorf gewachsen ist. Wenn der Hagel das Getreidefeld zerschlagen hat, kam die Familie in Not.
Wer unter solchen Bedingungen lebt, wird immer wieder daran erinnert, wie abhängig er ist. Die Bauern früher haben aus der alltäglichen Erfahrung gewusst, wie sich die gewaltige Übermacht Gottes anfühlt.
Für sie war die Kirche Haus Gottes. Die Menschen haben gewusst: dort kann ich zu Gott beten. Zu dem übermächtigen Gott, vor dem 1000 Jahre sind wie ein Tag und der die Menschen sterben lässt und spricht: kommt wieder Menschenkinder (Ps 90). Doch dort in der Kirche, in seinem Haus, begegnet mir Gott in menschlicher Größe. Da steht das Kreuz auf dem Altar, an dem Jesus Christus hängt. Der ist mir nicht zu groß. Er wird mich verstehen, in meiner Not oder mit meinen kleinen Sorgen.
Aber die Menschen damals haben nicht vergessen, dass der Gott, der sich in seinem Haus so menschlich zeigt, immer der mächtige, gewaltige Gott bleibt. Bei uns hat man nicht die Schuhe ausgezogen. Aber in Zeiten, als jeder Mann einen Hut getragen hat, hat man den Hut beim Betreten der Kirche abgenommen und den Kopf gesenkt – als Zeichen der Ehrerbietung.
So hat Mose am brennenden Dornbusch auch reagiert. „Der Ort, auf dem du stehst, ist heiliges Land.“ Heilig ist, wo Gott ist. Mose hat reagiert mit den Zeichen, die für ihn höchste Ehrfurcht ausgedrückt haben: er hat sofort die Schuhe ausgezogen und das Gesicht verhüllt. Weil er erschrocken ist bis ins Mark.
Und dann hat er gehört, wie diesem gewaltigen Gott, das kleine Sklavenvolk Israel am Herzen liegt. Er hat gehört, wie die Israeliten unter den Peitschen der Ägypter gestöhnt haben.
Der gewaltig große Gott, Urheber aller Naturgewalten, ist zugleich der barmherzige Gott, der sich um jeden einzelnen Menschen sorgt. Dieser Gott ist heilig. Der Gott, der die beiden Seiten hat.
Deshalb hat Mose Gott auch als Feuer gesehen: weil das Feuer auch die beiden Seiten hat, die lebensgefährliche und die lebensnotwendige. Den nur lieben Gott gibt es nicht.
Und das ist eben auch eine der Ursachen, dass uns das Heilige verloren gegangen ist: Wo heute von Gott erzählt wird, wird meist nur von einer Seite erzählt. Von der barmherzigen, freundlichen, helfenden Seite Gottes. Wenn an Weihnachten der Engel den Hirten sagt: „Fürchtet euch nicht!“, dann verstehen wir gar nicht, wieso jemand auf die Idee kommt, dass man sich vor einem Engel fürchten könnte.
Doch ein Engel ist wie Gott beides: barmherzig und furchtbar. Denn wenn Gott nur barmherzig und freundlich wäre, hätte aber nicht alle Macht im Himmel und auf Erden, dann könnte er uns nicht weiter helfen als irgendein netter und freundlicher Mensch.
Können wir das Heilige wiedergewinnen? Bestimmt nicht, indem wir versuchen, die Zeit zurückzudrehen, dahin, wo man sich in der Kirche höchstens zu flüstern getraut hat. Denn es hat sich vieles verändert seither. Und vielleicht war es nicht nur verkehrt, neuen Wind in die Kirchen zu lassen.
Und möglicherweise gewinnen wir das Heilige ja gerade dadurch wieder, dass wir auch außerhalb der Kirche nach Gott ausschauen. „Gott ist überall“ ist ja nicht falsch. Der Satz wird nur falsch, wenn wir das Überall beschränken - auf sonnige Tage und glückliche Stunden.
Für mich wird seltsamerweise der Boden unter meinen Füßen gerade dann stabil, wenn ich merke, dass Gott auch für das Schlimme und Schwere verantwortlich ist. Für Katastrophen, Tsunamis, Erdbeben, Verkehrsunfälle, schwere Krankheit und frühen Tod. „Wo ist Gott jetzt, wenn es mir so schlecht geht?“ Diese Frage stellt sich gar nicht, sobald mir klar wird, dass mir im Schweren Gott selbst entgegenkommt.
Jesus Christus, der Gekreuzigte, steht uns vor Augen. Und so ist er Gottes Wort an uns: Ich bin bei dir, auch im Schrecklichen. Doch nicht der Gekreuzigte an sich ist Gottes Wort. Der Gekreuzigte ist erst dadurch zu Gottes Wort geworden, dass sich an ihm Gottes Macht gezeigt hat, die Macht, die Tod in Leben verwandelt.
Gott auch im Schrecklichen suchen – diese neue Blickrichtung kann uns das Heilige zurückbringen. In dem sie uns das Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit zurückbringt, das Bewusstsein, dass wir gar nichts im Griff haben. Daraus wächst die Ehrfurcht Gott gegenüber. Und mit dieser Ehrfurcht können wir Gott wieder begegnen, an solchen Orten, die heiliges Land sind. Auch hier in unserer Kirche.
Das Geheimnis Gottes
Predigt über 1. Kor. 2, 1- 5
am 15.1.2012 in Bopfingen
Pfr. M. Rau
Als ich zu euch kam, liebe Brüder, kam ich nicht mit großen Worten und großer Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern sie wirkte durch Gottes Geist und Kraft, damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.
Es gibt gerade eine große Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit. Wo ist einer, dem man wirklich vertrauen kann? Einer, der meint, was er sagt? Einer, der nichts verheimlicht? Einer, der in allem er selber ist?
Es ist keine Persönlichkeit in Sicht, die diese Sehnsucht erfüllen könnte. Vielleicht deshalb fordert keine Partei des Rücktritt des Bundespräsidenten. Weil alle ahnen, dass kein möglicher Nachfolger wirklich anders wäre.
Doch auch wenn das so ist, brauchen wir nicht mutlos werden. Der christliche Glaube in seinen Ursprüngen hat nicht nach großen Vorbildern ausgeschaut. Das besondere am christlichen Glauben ist, dass jeder Christ selber vor Gott und seinen Mitmenschen steht, selber verantwortlich ist und nicht versucht, sich hinter irgendwelchen Großen zu verstecken.
Bei den frühen Christen war das sonnenklar. Sie hatten von keinem Großen ihrer Zeit, von keinem Politiker, keinem König oder gar dem römischen Kaiser, etwas zu erwarten – wenigstens nichts Gutes – denn die Großen waren alle Heiden.
So blieb den Christen nichts, als ganz nahe bei sich selbst zu sein. Was wir gerade vom Apostel Paulus gehört haben, macht uns deutlich, worum es geht:
Als ich zu euch kam, liebe Brüder, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen. Mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern sie wirkte durch Gottes Geist und Kraft.
Da stehen sich Gegensätze gegenüber. Das eine ist Überredungskunst: Etwas so gut verkaufen, dass der andere es schluckt und sich darauf einlässt. Wir kennen das, von einer Versicherung, die uns einmal jemand aufgeschwatzt hat und an der wir nun zahlen – aber gebraucht haben wir sie noch nie. Bis zu dem ungläubigen Staunen, wie schnell in der Politik auf einmal das Gegenteil einer bisherigen alternativlosen Wahrheit richtig ist.
Auch da geht es ums überreden: Hat man uns nicht Jahrzehntelang gesagt, ohne Atomkraftwerke gingen die Lichter aus? Viele haben es geglaubt – obwohl nichts dahinter war. Jetzt sind Atomkraftwerke aus, aber die Lichter brennen immer noch.
Paulus hat nie jemanden überredet. Er war ganz anders. Als er nach Korinth kam, war er schwach. Er hat an einer Anfallskrankheit gelitten, die ihn immer wieder außer Gefecht gesetzt hat.
Ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern, hat er geschrieben. Paulus hat nicht versucht, seine Schwachheit zu verstecken oder zu überspielen. Er wollte nur so sein, wie er war. Weil er gewusst hat: alle Schauspielerei fliegt sowieso irgendwann auf. Aber vor allem, weil er gewusst hat: Gottes Kraft kann sich gerade in meiner Schwachheit zeigen.
Er hat sich selbst zurückgenommen, und hat Raum gelassen – einen Raum, in dem Gottes Geist und Kraft wirken konnten.
Und da ist wirklich etwas geschehen. Das ist das Geheimnis von dem Paulus schreibt:
Ich kam zu euch, liebe Brüder, um euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen.
Was ist dieses Geheimnis? Das Geheimnis ist, dass die Sache mit Gott auch ohne Menschen funktioniert.
Wir denken normalerweise anders. „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“, denken wir. Die christliche Mission im 19. Jh hat oft genug genau nach diesem Prinzip funktioniert. Die Missionare sind mit großem Gepäck gekommen. Sie haben von Jesus Christus erzählt und dabei all die Errungenschaften der europäischen Zivilisation ausgepackt. Und die Menschen in Afrika oder Südamerika haben große Augen bekommen und haben sich leicht vom christlichen Glauben überzeugen lassen, wenn sie dafür nützliche und angenehme Dinge und Technik bekommen haben.
Wo das so geschehen ist, da war es eine Predigt mit überredenden Worten.
Von dieser Methode hat Paulus jedoch gar nichts gehalten. Aus dem einfachen aber entscheidenden Grund, dass dabei nicht Gott wirkt. „
Ich“, schreibt er, „
hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.“
Wahrscheinlich hat Paulus auf seinen Missionsreisen nicht viele Wundergeschichten erzählt. Jedenfalls finden wir in seinen Briefen keinen einzigen Hinweis. Dafür hat Paulus vom gekreuzigten Jesus erzählt. Der war für ihn das Wunder.
Der Gekreuzigte macht natürlich nicht viel her, wie er da hängt, ausgeliefert, hilflos, unansehnlich. Die Bilder, mit denen man uns überreden will, etwas zu kaufen, sehen anders aus: jung, dynamisch, sexy. Diese Bilder sind attraktiv.
Der Gekreuzigte Jesus ist das Gegenteil von dem allem. Das war damals auch schon so. Und für Paulus war der gekreuzigte Jesus genauso unattraktiv, als er noch jung war. Er hat die Christen und ihren jämmerlichen Christus verachtet.
Doch dann hat Christus nach ihm gegriffen. Paulus ist vom Pferd gefallen, als er im Auftrag der Jerusalemer Religionsbehörde unterwegs war, Christen zu verhaften. Vielleicht hat mit dem Sturz vom Pferd seine Anfallskrankheit begonnen. Paulus konnte drei Tage lang nichts sehen, nicht essen und trinken.
Doch er hat gewusst: Christus war es! Er hat mich blind gemacht. Er hat mich vom Pferd geworfen. Der Gekreuzigte hat eine unwahrscheinliche Macht.
Das ist das Geheimnis: es ist nichts Großartiges zu sehen. Weder bei Christus, dem Gekreuzigten, noch bei den Christen. Doch unter der unscheinbaren Oberfläche wirkt Gottes Kraft und Gottes Weisheit.
Der gekreuzigte Christus ist das Wunder: als er noch auf der Erde unterwegs war, hatte er 12 Jünger und ein paar Dutzend Sympathisanten. Nachdem er gekreuzigt wurde, dauerte es nur wenige Monate, bis die Zahl der Christen das erste Tausend erreichte. Natürlich nicht, weil der Gekreuzigte so attraktiv gewesen wäre. Sondern weil so viele Menschen gespürt haben, welche Kraft vom auferstandenen Christus ausgeht.
Diese Kraft hat Paulus auch zu spüren bekommen, zuerst gegen seinen Willen. Doch von da an hat Paulus es Jesus überlassen.
Nicht sofort und nicht gleich ganz und gar. Eine Zeit lang wollte Paulus weitermachen wie bisher und nun die Sache der Christen managen, so wie er vorher die Interessen der Jerusalemer Religionsbehörde gemanagt hat.
Aber Jesus hat ihn gebremst. Jesus hat ihn immer wieder auf den Boden zurückgeholt – auf den Boden, wo Paulus ganz bei sich und seinen bescheidenen Möglichkeiten war. Irgendwann hat Paulus es kapiert: „Ich brauche nicht sein wollen, ich brauche auf niemanden Eindruck machen wollen. Gottes Kraft ist in meiner Schwachheit mächtig.“
Und von da an hat er es Jesus überlassen.
Das können wir auch. Bestimmt auch nicht sofort und nicht ganz und gar. Aber wir können es ja versuchen. ZB, indem wir uns beim Reden zurückhalten. Wenn wir in einer Runde beieinandersitzen. Da ist es ja leicht so, dass jeder versucht, möglichst viel zu erzählen, möglichst oft zu Wort zu kommen. Als ob an der Redezeit, die man hat, die eigene Bedeutung hängt.
Wenn wir das Geheimnis Gottes kennen brauchen wir uns nicht in der Konkurrenz um die Redezeit aufreiben. Sondern können zuhören, ganz still und gelassen.
Und dann kann es passieren – und es passiert oft – dass im Zuhören, in der Stille, sich ein Gedanke bildet, eine Idee. Ein Satz, der wirklich wichtig ist.
Wenn wir diesen Satz dann sagen, wenn seine Zeit gekommen ist, wirkt er plötzlich. Und steht da, seltsam fremd und seltsam klar in dem Wortgestöber der Unterhaltung. Und gibt vielleicht der ganzen Unterhaltung eine neue Richtung.
So können wir das Geheimnis Gottes erleben. Denn dieser Gedanke, der da in uns Gestalt annimmt, ist nicht von uns. Sondern da wird Gottes Wort wieder Fleisch, bedient sich der menschlichen Gedanken und der menschlichen Stimme.
Ob es wirklich Gottes Wort war, merken wir daran, ob es wirkt. Gottes Wort wirkt immer. Und wir merken es daran, ob es „von selbst“ gekommen ist. Wenn wir uns das Hirn zermartern müssen nach dem richtigen Satz, ist es nicht Gottes Wort.
Doch wenn es geschieht, spüren wir ganz deutlich, wie in unserem Schweigen und Warten Gottes Geheimnis Gestalt angenommen hat.
Das ist, was Paulus meint:
Als ich zu euch kam, kam ich nicht mit großen Worten, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen. Mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten, sondern sie wirkten durch Gottes Geist und Kraft.
Diese Wirkung ist nicht auf Paulus beschränkt. Denn es ist nicht Paulus, es ist Gott, der hier wirkt, heute genauso wie damals. Er braucht nur Leute, die bereit sind, sich zurückzunehmen und Raum zu lassen. Solche Leute sind wahrhaftig.
Deshalb brauchen Christen eigentlich keine Vorbilder. Weil ein Mensch nur dann ein wirkliches Vorbild sein kann, wenn er sich selbst zurücknimmt und Gott Raum lässt. Und Gott kann in jedem von uns Raum bekommen.
Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!
Predigt zur Jahreslosung 2012
Neujahr 2012
in Bopfingen und Neresheim
Pfr. M. Rau
Jesus Christus spricht: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig (2. Kor 12, 9)
Diese Jahreslosung widerspricht allem, was Menschen wollen. Auch dem, was wir wollen. Wir wollen stark sein, unabhängig, möglichst auf niemanden angewiesen.
Wir tun alles, damit wir nicht schwach sind - oder wenigstens dass es niemand merkt. Wenn wir dann trotzdem einmal Schwäche zeigen, ist es uns schrecklich peinlich. Und oft genug wartet ja wirklich schon irgendwer darauf, diese Schwäche auszunutzen.
Schwäche zeigen ist gefährlich.
Und nun:
Jesus Christus spricht: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Diesen Satz hat Jesus Christus gesagt. Aber nicht zu der Zeit, als er auf der Erde unterwegs war. Sondern als seine Auferstehung schon mindestens 20 Jahre zurückgelegen hat.
Christus hat es dem Apostel Paulus gesagt. Und damit ist dieser Satz etwas besonderes. In doppelter Hinsicht. Einmal, weil er zeigt, dass auch der auferstandene und zum Himmel aufgefahrene Jesus immer noch redet.
Und zum anderen wegen der Geschichte, die dazugehört. Die Geschichte hat Paulus den Korinthern erzählt. Es ist seine eigene Geschichte.
Paulus war nämlich, obwohl er uns als der größte Apostel gilt, überhaupt keine eindrucksvolle Person. Für uns erscheint er so groß, weil das Neue Testament zu einem Drittel aus seinen Briefen besteht.
Aber das sehen wir erst im Rückblick. Zu Paulus Lebzeiten konnte niemand ahnen, wie wichtig er als Apostel werden würde. Auch er selbst hat es nicht geahnt. Denn sein Körper hat ihn im Stich gelassen.
Tagelang und manchmal wochenlang ist Paulus ausgefallen. Er konnte nicht arbeiten, er konnte nicht gehen, er konnte nicht denken. Er war absolut hilflos und wehrlos - darauf angewiesen, dass ihn in der Fremde, wo er sich meistens aufhielt, irgendein barmherziger Samariter eine Zeit lang gepflegt hat.
Das war Paulus genauso peinlich, wie es für uns wäre. Denn er hatte große Pläne, wollte nach Rom um von dort aus die Missionierung des römischen Reiches zu organisieren. Aber das ist ihm nicht gelungen. Immer wieder war er außer Gefecht gesetzt.
Das war für Paulus um so schlimmer, weil er in seinem schwachen Körper ein starkes Selbstbewusstsein hatte – die Überzeugung, wie wichtig er für die Sache der Christen war. Wenn er nur gekonnt hätte, wie er wollte. Es muss für ihn unerträglich gewesen sein, durch diese Krankheit so ausgebremst zu werden.
Er konnte nicht planen. Weil seine geniale Strategie von heute auf Morgen durch einen neuen Schwächeanfall durchkreuzt werden konnte.
Da hat er zu Jesus Christus gebetet. Um Heilung gebetet. Bestimmt hat Paulus die ganzen Heilungsgeschichten gekannt, die jetzt in den Evangelien aufgeschrieben sind. Damals wurden sie noch mündlich erzählt: Ein Kranker kommt zu Jesus, ein Blinder, ein Gelähmter, jemand, der Anfälle hat. Jesus stellt eine Frage, spricht ein Wort und der Kranke springt auf, hüpft und ist gesund.
Paulus hat Jesus alles zugetraut. Für ihn war es kein Problem, das zu glauben. Jesus konnte damals heilen. Dann kann er auch jetzt seinen besten Mann gesund machen. Paulus hat gebetet.
Doch er muss vollkommen bestürzt gewesen sein, als nach seinem Gebet irgendwann wieder ein Anfall gekommen ist, der ihn außer Gefecht gesetzt hat wie eh und je.
Glaubenszweifel. „Warum macht Jesus mich nicht gesund? Ich bin nicht sein bester Mann?“ Irgendwann hat er sich ein Herz gefasst, und noch einmal gebetet. Wieder Hoffen. Und wieder ein Anfall. Da hat Paulus noch ein drittes Mal gebetet.
Und daraufhin hat sich etwas getan. Christus hat geantwortet. Aber nicht mit einer Heilung, sondern mit diesem Satz:
Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Diese Geschichte ist ziemlich einzigartig in der Bibel. Überall sonst, wo sich Kranke an Jesus gewandt haben, sind sie ganz schnell gesund geworden. Nur Paulus ist krank geblieben.
Aber ich bin so froh, dass es auch diese Geschichte in der Bibel gibt. Glücklich, dass Paulus so ehrlich war, sie zu erzählen.
Denn wenn ich selber krank bin oder was ich bei anderen erlebe, das geht ja nur selten so, dass auf ein Gebet hin auf einmal alles wieder im Lot ist. Und ja nicht einmal, wenn man Medikamente einnimmt oder ins Krankenhaus geht. Sondern wenn etwas Schwerwiegendes heil wird, dauert es in der Regel lange. Und oft genug wird eine Krankheit auch chronisch. Man muss lernen, mit ihr zu leben.
Ich habe manchmal den Verdacht, dass die Wundergeschichten in den Evangelien ein wenig geschönt sind. Von Leuten, die es gut gemeint haben, die zeigen wollten, wie einmalig Jesus ist. Und die zu diesem Zweck das, was wahrscheinlich trotz Jesu Hilfe seine Zeit gedauert hat, ein wenig gerafft haben.
Oder die an dem Punkt, wo alles gut ausgesehen hat, nicht mehr weitererzählt haben. So entsteht ein Happy End.
Ich habe den Verdacht, dass auch zu Jesu Erdenzeit manches so mühsam und langwierig verlaufen ist, wie danach. So wie heute auch. Oder wie bei Paulus.
Paulus musste lernen, mit seiner Krankheit zu leben. Wie viele von uns. Er ist nicht gesund geworden. Doch er konnte schließlich mit seiner Krankheit leben, weil er gewusst hat: Jesus ist genau darin bei mir.
Es hat ja auch für ihn so etwas wie eine Heilung gegeben. Nach dieser Antwort von Jesus hat er nicht mehr darum gebetet, gesund zu werden. Er hat sich, so wie es war, im Einklang gefühlt: mit Jesus, mit sich selber, mit seinem schwachen Körper.
Denn Christus hat ihn mit seiner Antwort nicht zurückgestoßen. Sondern Christus hat ihm gezeigt, wie nahe er mit ihm verbunden ist:
Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
In dir, in deiner Schwäche, spürst du meine Macht. Wenn man den Satz genau wörtlich aus dem Griechischen übersetzt, kommt das noch ein bisschen deutlicher heraus:
„Dir genügt meine Gnade, denn die Kraft kommt in der Schwachheit ans Ziel.“
So, wie es Paulus (in der griechischen Sprache) gehört hat, ist es keine Aufforderung
„Lass dir an meiner Gnade genügen“, sondern eine Feststellung: „
Dir genügt meine Gnade. Mehr brauchst du nicht. Auch keine Gesundheit.“ Kurz und knapp und gegen den Strich.
Aber eine Begründung hat Christus dann doch noch nachgeschoben:
... denn meine Kraft kommt in der Schwachheit ans Ziel.
Gottes Kraft kommt genau dann zur Entfaltung, wenn wir schwach sind.
Für uns hört sich das zuerst widersinnig an. Wir gestehen Gott ja schon zu, dass er etwas bewirkt. Doch wir denken ja in der Regel, dass Gott wirkt, indem er unsere Kraft noch ein bisschen verstärkt.
„Christus hat keine Hände außer deinen Händen“, ist so ein Spruch, den viele richtig finden. Oder: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.“ Wenn wir etwas gutes tun, unterstützt uns Christus dabei.
Daran ist bestimmt nicht alles verkehrt. Wir hoffen ja, dass Gott das Werk unserer Hände segnet.
Nur, Paulus hat etwas ganz anderes erlebt. Er hat erlebt, dass Gottes Kraft vollkommen unabhängig von seiner eigenen Kraft gewirkt hat.
Auf seiner zweiten Missionsreise ist er nach Galatien gekommen. In Galatien haben sich die Galater, keltische Krieger, niedergelassen, die mehr als zwei Jahrhunderte lang mordend, raubend und plündernd kreuz und quer durch die kleinasiatische Halbinsel gezogen sind.
Bei diesen knallharten Kämpfern konnte Paulus sich keine Schwäche erlauben. Doch genau dort hat ihn seine Anfallskrankheit wieder niedergestreckt. Für mehrere Wochen. Und dann ist das Wunder ist geschehen: die wilden Krieger haben dem wehrlosen Kranken nicht die Kehle durchgeschnitten. Sondern haben ihn gepflegt.
Und was sie in dem kranken und hilflosen Paulus gesehen und gespürt haben, muss so eindrucksvoll gewesen sein, dass sie ihn, als er wieder reden konnte, ausgefragt haben. Und Paulus hat erzählt. Und die wilden Galater haben sich taufen lassen und sind Christen geworden.
Ob Paulus das geschafft hätte, wenn er bei Kräften gewesen wäre? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Denn was hätte er, auch im Vollbesitz seiner Fähigkeiten, diesem stolzen Kriegervolk bieten können. Während durch den außer Gefecht gesetzten Paulus, Christus wirken konnte – durch Paulus’ Schwachheit.
Meine Kraft,
sagt Christus,
kommt in der Schwachheit ans Ziel.
Die Kraft Christi ist unabhängig von uns. Christus braucht nicht unsere Hände, um in der Welt etwas bewirken zu können. Vielleicht stehen wir ihm sogar, mit unseren eigenen Kräften, manchmal im Weg.
Auf jeden Fall aber dürfen wir das, was er Paulus gesagt hat, auch für uns gelten lassen:
Meine Gnade genügt dir! Du brachst nicht mehr, auch keine Gesundheit. Du brauchst nur mich.
Im Neuen Jahr kann uns das ganz ruhig machen. Denn durch die Gnade Jesu Christ wird jede Situation zur
win- win - Situation. Also: ob das eine geschieht oder das Gegenteil, wir können in beiden Fällen nur gewinnen.
Wenn wir gesund und bei eigenen Kräften sind, können wir uns freuen. Wir dürfen uns von Herzen freuen an dem, was wir zustande bringen.
Und wenn unsere Kräfte uns im Stich lassen – nein, dann werden wir uns erst mal nicht freuen. Aber wir brauchen auch nicht zu verzweifeln. Sondern können sehr gespannt darauf warten, was Jesus Christus aus dieser Situation machen wird. Wie seine Kraft in unserer Schwachheit ans Ziel kommt.
Es wird bestimmt anders kommen, als wir es geplant haben. Aber nicht schlechter. Denn auf unseren Weitblick und unsere strategischen Fähigkeiten sollten wir nicht allzu viel geben.
Paulus hat seine Pläne zur Missionierung des römischen Reiches nicht umsetzen können. Doch 50 Jahre nach seinem Tod gab es trotzdem in jeder Stadt des Römerreiches eine christliche Gemeinde. Beigetragen haben dazu nicht die genialen Missionsstrategien von Paulus. Sondern seine Briefe. Die er an diese oder an jene Gemeinde geschrieben hat, mal als Dank für einen Korb voller Lebensmittel, den er bekommen hat, mal aus Zorn über den Unfug, der ihm von dort zu Ohren gekommen ist. Paulus hätte es bestimmt nie für möglich gehalten, dass seine Gelegenheitsbriefe einmal Teil der Bibel werden.
Doch sie sind es geworden, weil Paulus in seinen Briefen einfach ehrlich geschrieben hat, was ihm zugestoßen ist, was er erlebt hat und wie er in all dem Christi Stimme gehört hat.
So ist Paulus selber zum Beispiel für uns geworden, wie Christus wirkt: dass Kraft gerade in unserer Schwachheit mächtig ist. Das kann uns helfen, dass wir unsere Schwachheit weniger fürchten. Dass wir sie eher zugeben. Weil wir wissen: unsere Schwäche ist das Feld, auf dem Christus seine Stärke ausspielt.
Jetzt hören wir Christi Stimme in der Losung für das neue Jahr:
Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Dieses Wort kann uns im neuen Jahr leiten, bei vielen Entscheidungen.
Feuerwerk oder Feuersäule?
Predigt am Altjahrabend 31.12.2011
in Goldburghausen und Bopfingen
über Ex 13,17-22
Pfr. M. Rau
Altjahrabend nennen wir den Sylvesterabend auch. Aber in diesem Jahr passt das für mich nicht so richtig. So viel neues hat dieses Jahr gebracht, was vor 12 Monaten noch niemand für möglich gehalten hätte.
Das Ende der Atomkraft in Deutschland, einen grünen Ministerpräsidenten in Baden Württemberg. Und, für uns weiter weg und weniger spürbar, die Revolutionen in den arabischen Ländern.
Es sind Weichen gestellt worden. Es wird sich etwas verändern. Doch wir wissen noch nicht, wohin es gehen wird und was diese Veränderungen für uns für Folgen haben werden.
Ja, für mich ist es fast ein bisschen unheimlich: So viel hat sich verändert in diesen Jahr, aber bei uns in Deutschland geht es weiter wie immer. Wir spüren nichts von den Veränderungen.
Deshalb habe ich auch am letzten Abend dieses Jahres nicht das Gefühl, dass etwas Altgewordenes hinter uns liegt. Viel eher, dass wir an einer Schwelle stehen, jenseits derer sich die Weichenstellungen vielleicht auch für uns auswirken werden.
Zur Schwellensituation passt der Predigttext für heute Abend sehr gut, ein Abschnitt aus dem Exodusbuch der Bibel der am Anfang der Auszugsgeschichte steht, kurz nachdem die Israeliten aus der Gefangenschaft in Ägypten entkommen sind.
Als nun der Pharao das Volk hatte ziehen lassen, führte sie Gott nicht den Weg durch das Land der Philister, der am nächsten war; denn Gott dachte, es könnte das Volk gereuen, wenn sie Kämpfe vor sich sähen, und sie könnten wieder nach Ägypten umkehren.
Darum ließ er das Volk einen Umweg machen und führte es durch die Wüste zum Schilfmeer. Und Israel zog wohlgeordnet aus Ägyptenland.
So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.
Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.
Für das Volk Israel war der Auszug aus Ägypten natürlich zuerst einmal die Hoffnung auf Freiheit. Aber alles ist relativ. Ganz schnell hat sich für Israel die Perspektive verschoben: Die Freiheit, außerhalb des fruchtbaren Ägypten, war die Wüste.
Das Ziel des Auszugs aus Ägypten war natürlich nicht die Wüste, sondern die alte Heimat der Väter Israels, wo man hoffte, dass alles besser werden würde. Doch, haben wir gehört, Gott führte sie nicht den Weg, der am nächsten war; sondern führte das Volk einen Umweg - durch die Wüste zum Schilfmeer.
Auch in unserem Leben geht nicht alles gerade und glatt. Wir hätten es gern so, aber manchmal ist es zum Verzweifeln und wie verhext: der gute, leichte Weg, den wir gern gehen würden, bleibt uns verschlossen. Statt dessen haben wir zu kämpfen auf Um- und Abwegen, deren Ziel wir nicht sehen.
Die Auszugsgeschichte Israels gibt uns einen Hinweis, wie wir so eine Situation verstehen können. Es kann sein, dass wir in so einer Situation mit Gott zu tun haben, Dass er uns den anscheinend leichten Weg verbaut. Warum er das tut, ist nebensächlich. Wir würden die Gründe sowieso nicht gut heißen. Und er fragt uns auch nicht. Wir können in so einer Situation nur eines tun: uns der Führung dessen anvertrauen, der uns den leichten Weg verwehrt.
Das hat das Volk Israel auch getan. Und Gott hat sie geführt, immer tiefer in die Wüste hinein. Wo alles gleich aussieht: Sand, Felsen, Sonne, ohne Weg und Markierung.
Aber das Volk Israel hatte einen Wegweiser, einen, der immer vor ihnen hergegangen ist: Am Tag eine Wolkensäule und nachts eine Feuersäule.
Die Wolken- und Feuersäule dürfen wir uns wohl als Rauchwolke vorstellen. Tagsüber ist nur der Rauch zu sehen, Nachts leuchtet das Feuer durch den Rauch.
Diesen Anblick hatte das Volk Israel später in Jerusalem jeden Tag und jede Nacht vor Augen. In Jerusalem im Tempel stand vor dem Tempelhaus der große Brandopferaltar. Auf diesem Altar brannte Tag und Nacht ein Feuer – als Zeichen der Gegenwart Gottes. In diesem Feuer wurden die Opfergaben verbrannt.
So lange bei Tag die Rauchwolke über dem Tempel stand und bei nach der Feuerschein war klar: Gott ist in unserer Mitte.
Wir Christen haben das übernommen – zwar ein bisschen gestutzt, aber immer noch deutlich: Die Kerzen auf dem Altar sind das gleiche Zeichen: Gott ist unter uns.
So, wie wir die Geschichte vom Auszug aus Ägypten jetzt in der Bibel lesen, ist sie erst gestaltet worden, als das Volk Israel schon lange sesshaft war. Man hat die alten Geschichten vorher natürlich auch schon erzählt. Doch wie heute die Bibeltexte in der Predigt neu ausgelegt werden, so hat man das damals auch gemacht. Und hat dabei die aktuellen Erfahrungen mit Gott in die Geschichten hineinerzählt.
So ist das Bild von der Wolkensäule und der Feuersäule in der Wüste entstanden. „Jetzt ist Gott mitten unter uns im Tempel in Jerusalem. Wenn das Feuer auf dem Altar brennt, wissen wir: ist er da. Wir können zu ihm beten. Er hört unser Gebet.“
Doch damals hat Gott das Volk Israel in der Wüste geführt. Der gleiche Gott. Und deshalb haben die späteren Israeliten ihr Zeichen der Nähe Gottes in die Wüstengeschichte hineinerzählt – die Wolken- und Feuersäule, die über Jerusalem zu sehen war.
Für die Späteren war die Geschichte von der Wüstenwanderung nichts aus der Vergangenheit. Sondern sie haben gewusst: „Es muss nicht immer so bleiben, wie es jetzt gerade ist. Dieses Land ist nicht unser Besitz, wir haben keinen Anspruch darauf. Vielleicht müssen wir wieder einmal gehen. Vielleicht wird es einmal keinen Tempel und keinen Opferaltar mehr geben.“ So ist es ja dann gekommen und so ist es bis heute.
„Doch“, haben sie weitergedacht, „auch wenn uns alles genommen wird und wir gehen müssen, dann müssen wir nicht allein gehen und irgendwo draußen herumirren. Sondern Gott wird uns führen. An ihm können wir uns orientieren. Die Wolken- und Feuersäule wird uns auch dann vorangehen.“
Das Volk Israel hat nie vergessen, dass es sich in allen Verhältnissen, auch unter den schwersten Umständen leben lässt – weil Gott auch dann vorangeht. Das ist etwas ganz Großes am Glauben Israels. Wir Christen dürfen teilhaben an diesem Glauben.
Deshalb kann diese Geschichte an der Schwelle zum neuen Jahr ganz gelassen machen, auch uns. Auch wenn noch verhüllt ist, was das kommende Jahr bringt, können wir wissen: wenn es so weit ist, wird uns Gott den Weg zeigen, klare Orientierung geben.
Natürlich, es kann sein, dass es die Israeliten leichter hatten als wir. In der Wüste war sonst nichts. Nur die Rauch- und Feuersäule. Die zieht, wo sonst alles kahl und leer ist, ganz von selbst den Blick auf sich.
Bei uns gibt es heute Nacht wieder Feuerwerk. Das ist ein wenig ein Gleichnis für die Verhältnisse, in denen wir leben: Es ist schön anzusehen und knallt unüberhörbar. Doch es knallt von allen Seiten, man weiß gar nicht, wo man hinschauen soll. Es blitzt, funkelt und leuchtet. Rauchschwaden zeihen über den ganzen Himmel. Und dann ist es vorbei, alles verpufft.
Orientierung gibt das nicht. Es ist ein Gegenbild zu der Rauch- und Feuersäule der Bibel. Israel hatte kein so schönes Feuerwerk, aber Orientierung.
Vielleicht ist weniger mehr. Vielleicht tut es uns gut, wenn wir uns weniger ablenken. Seit etwa drei Jahren ist der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff ein gefragter Mann als Buchautor und in Talshows. Er behauptet, dass die Ursache der zunehmenden Entwicklungsstörungen bei Kindern sei, dass die Eltern nicht mehr in sich selber ruhen.
Ich habe ihn im Radio gehört. Die Redakteurin wollte von ihm wissen, was die Eltern dann tun sollen, welche Erziehungsmethode er einer Mutter empfehlen könne, die nicht mehr mit ihrem Kind zurechtkomme. Man hatte den Eindruck, dass sie für sich selber Rat sucht. „Keine Methode“, hat Winterhoff geantwortet. Aber ob er irgendwelche Bücher empfehlen könne? „Keine Bücher.“ Aber ob es denn Kurse gäbe? „Auch keine Kurse“, hat er inzwischen fast wütend erwidert. „Dem Kind wäre geholfen, wenn sich die Mutter jeden Tag eine Dreiviertelstunde lang in eine Kirche setzen und gar nichts tun würde.“ Die Redakteurin war verwirrt. „Aber warum in eine Kirche?“ „Weil es dort keine Ablenkung gibt und weil man dort wieder zu sich selbst kommen kann. Und das hilft dem Kind.“
Die Redakteurin war hörbar verstört. Und dann kam auch schon die nächste Musik. Doch mir hat das genügt. Was der Kinderpsychiater empfiehlt, ist nichts anderes als was Gott dem Volk Israel verordnet hat: eine Zeit in der Wüste.
In unserer Umgebung, in der wir ja fast unablässig einem Feuerwerk der Eindrücke ausgesetzt sind, kann eine Kirche die Wüste sein. Wenn wir Glück haben brennt eine Kerze – die Feuersäule. Wenn nicht finden wir vielleicht ein anderes Zeichen für Gottes Gegenwart, das uns Orientierung gibt.
Vielleicht ist weniger mehr. Weil wir dann sehen, wohin uns Gott führt. Mit dieser Ahnung können wir hinübergehen ins neue Jahr. Und wenn dort die Wüste auf uns warten sollte, dann muss das gar kein Verlust sein. Denn in der Rauch- und Feuersäule seiner Gegenwart wird uns Gott vorangehen.
Fleischwerdung im Universum
Predigt am Christfest 2011
über
Kol 1, 15- 17 in Bopfingen
Pfr. M. Rau
Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung. Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist,
das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften
oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen.
Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm.
Dieser urchristliche Hymnus ist eine wichtige Ergänzung zur Weihnachtsgeschichte vom Heiligen Abend. Denn er spannt einen ganz großen Bogen. Er setzt das Kind in der Krippe in den Rahmen, in den es hineingehört.
In der Krippe liegt nämlich nicht nur ein armes, schwaches und niedlichen Kind. Sondern dieses Kind ist „
das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung. Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare.“
Das sind fremde Gedanken für uns. An Weihnachten reicht uns eigentlich das Kind in der Krippe, auf Heu und Stroh. Diese Vorstellung und die Kerzenbeleuchtung stimmen uns irgendwie mild und friedlich.
Doch das ist nicht viel. Das Tageslicht verscheucht die Milde schnell wieder. Ein neugeborenes Kind kann der Härte des Lebens nichts entgegensetzen.
Deshalb ist es zu wenig, wenn die Weihnachtsbotschaft auf dieser Ebene bleibt.
Weihnachten ist viel mehr. Denn das Kind in der Krippe ist nicht nur irgend ein neugeborenes Kind. Sondern der Herr, der Schöpfer der Welt. Weihnachten bekommt seinen tiefen Sinn überhaupt erst dadurch, dass der Herrscher über alles, der die Macht hat – dass der Mensch wird und dass Er so eine schwache und ärmliche Gestalt annimmt.
Menschen heute können damit allerdings nicht unbedingt viel anfangen. „
Der Erstgeborene vor aller Schöpfung, in dem alles geschaffen ist, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten – das passt nicht zu unserem aufgeklärten naturwissenschaftlichen Bild von der Welt, zu Atomen, Molekülen, chemischen Verbindungen, durch die sich die Welt lückenlos erklären lässt.
Wenn in der Schule die Welt erklärt wird, bleibt kein Platz mehr für Gott.
„Man kann nicht elektrischen Strom benutzen und an Wunder glauben“, hat schon vor Jahrzehnten ein aufgeklärter Theologe gesagt. Heute denken die Theologen so etwas nur noch im Stillen, um nicht auch noch die letzten Gottesdienstbesucher zu verscheuchen. Die meisten sind ja schon weggeblieben, weil sie nicht einsehen, was es bringen soll, sich mit einem Glauben zu beschäftigen, der auf einem vollständig überholten Weltbild beruht.
Und so hat Weihnachten seine Kraft verloren, lebt eigentlich nur noch von der Erinnerung, daran, wie einst die Kinderlein zur Krippe gekommen sind.
Wenn ich auch so denken würde, könnte ich natürlich heute nicht so reden. Für mich hat Weihnachten nach wie vor seine Kraft – oder, ehrlicherweise muss ich sagen: hat seine Kraft wieder gewonnen.
Auch ich war schon einmal begeistert von den Naturwissenschaften, der Evolutionstheorie und dem aufgeklärten Denken, mit dem man alles erklären konnte. In den letzten Schuljahren hatte ich Physik als Leistungskurs. Da lernt man eine Menge. Aber zu meinem Erstaunen habe ich in diesen letzten Schuljahren gelernt, dass die Physiker, je tiefer sie in die kleinen Strukturen der Elementarteilchen eingedrungen sind, immer weniger verstanden haben.
Die normalen Denkmodelle taugen da nichts mehr. Und die schlausten Köpfe: Werner Heisenberg, Niels Bohr, Carl-Friedrich von Weizsäcker mussten schließlich kapitulieren bei dem Versuch, ihre Beobachtungen in eine geschlossene Vorstellung zu packen. Sie haben es nicht geschafft zu erklären – und das ist bis heute nicht gelungen –, was die ganz kleinen Teilchen eigentlich sind.
Da passen nicht einmal die Begriffe: ein kleines Teilchen ist kein Teilchen. Es ist nicht ein Ding an einem Ort, sondern etwas, was sich irgendwie im Raum verteilt – oder, anders gesehen, was den Raum überhaupt erst schafft, in dem es ist.
Die Physiker sind schon lange sehr demütig geworden. Je tiefer sie in ihr Gebiet eindringen, um so weniger verstehen sie. Ein ganz großer Schock war vor gut 10 Jahren die Erkenntnis, dass in unserer Welt viel mehr Substanz vorhanden ist, als man bisher geahnt hat. Und zwar sehr viel mehr Substanz.
90 % von allem, was ist, besteht aus etwas, was sich weder beobachten noch messen lässt und was keinerlei Ähnlichkeit hat mit allem, womit sich die Naturwissenschaft bisher beschäftigt hat. Die Physiker nennen es Dunkle Materie und dunkle Energie – einfach, weil sich das jeder Beobachtung entzieht und weil sie keine Ahnung haben, was das ist.
Anfang November wurde den „Entdeckern“ der dunklen Materie der Nobelpreis verliehen. Das zeigt, für wie entscheidend die Fachwelt diese Entdeckung hält.
Für die Fachleute war es ein Schock. Und es müsste eigentlich ein Zittern durch die ganze aufgeklärten Völker gegangen sein bei der Vorstellung, dass alles, was bisher erforscht und untersucht worden ist – und was ja schon lückenhaft genug ist - , sich nur auf lächerliche 10 % dessen bezieht, woraus die Welt tatsächlich besteht. Was sind diese 90 % an Unbekanntem, die uns von allen Seiten umgeben? Und nicht nur umgeben: das ist auch in uns. Ein unbekannter Stoff, eine unbekannte Energie, die uns ausfüllt.
Die Physiker sind ratlos. Doch vielleicht kommt der Rat aus einer ganz anderen Richtung.
Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung. Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen. Und es besteht alles in ihm.
Schon lange trauen sich die Theologen nicht mehr, diese Sätze auf die Wirklichkeit der Welt zu beziehen. Deshalb werden sie in übertragener Weise gedeutet oder ganz ignoriert. Weil wir alle in unserer Ausbildung gelernt haben, bei unseren Predigten ja im Bereich des Zwischenmenschlichen zu bleiben und uns davor zu hüten, den Glauben mit der Naturwissenschaft zu vermischen. Nichts sei gefährlicher, als zu versuchen, Gott da einzusetzen, wo die Naturwissenschaft noch keine Erklärung gefunden hat. Weil der Glaube sich dann bei jeder neuen Erkenntnis zurückziehen müsste.
Diese Sicht mag vor 150 Jahren gerechtfertigt gewesen sein. Sie ist es schon lange nicht mehr. Wer sich ernsthaft und ehrlich mit der Naturwissenschaft befasst weiß, dass schon lange nicht mehr das Verständnis zunimmt, sondern die Ratlosigkeit. Vor etwa 300 Jahren wurde die Naturwissenschaft erfunden. Jetzt scheint sie an die Grenze ihrer Erkenntnis zu stoßen.
Und, das ist jetzt für mich das Faszinierende: an dieser Grenze ahnen die Physiker, dass dahinter etwas gigantisch Großes und Mächtiges wartet. Sie nennen es „dunkel“ – dunkel Materie und dunkle Energie – weil sie nichts darüber wissen.
Während für die Menschen der Bibel, die noch nicht den Tunnelblick der Naturwissenschaft hatten, da draußen nichts dunkles war, sondern
das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung, der vor allem ist und in dem alles besteht.
Die gigantische Macht, die alles trägt, was wir sehen, fühlen, benutzen und berechnen können, diese Macht,
die aller Erdkreis nie beschloss - die liegt in Marien Schoß.
So hat Martin Luther gedichtet:
Er ist ein Kindlein worden klein, der alle Ding erhält allein. Luther hatte nicht den Tunnelblick der aufgeklärten Menschen. Die Augeklärten gab es damals auch schon. Einmal hat ihn sein Professorenkollege, Andreas Karlstadt, ziemlich spitzig gefragt, wie das mit der Jungfrauengeburt denn möglich gewesen sein soll, ob da etwa Gottes Sohn mit einer Leiter vom Himmel herabgestiegen sein und in Marias Leib geschlüpft sein soll. Da hat Luther ihn einen Dummkopf geschimpft und geantwortet, das sei doch eine kindisch naive Vorstellung, dass Gottes Sohn wie auf einem Stuhl im Himmel sitze und irgendwie herabsteigen müsse. Gottes Sohn sei über all unserer Vorstellung. Es bestehe doch alles in ihm. Und deshalb sei Gottes Sohn schon immer in allem drin, in jedem Baum, in jedem Stein, in jedem Strick, sogar in so einem Esel, wie sein Kollege Karlstadt einer sei – und natürlich auch in der Jungfrau Maria. Und da sei es dann ein leichtes für ihn, an dieser Stelle Fleisch anzunehmen und in einem Stall zur Welt zu kommen.
Genauso könnte man jenem Theologen antworten, der gemeint hat, man könne nicht elektrischen Strom benutzen und gleichzeitig an Wunder glauben: Jedes Elektron, aus deren Fluss der elektrische Strom besteht, wird doch erfüllt, getragen, ja überhaupt erst gebildet von dem, der alle Wunder tut.
Den aller Welt Kreis nie beschloss, lässt auch die Glühbirne leuchten. Und
er liegt in Marien Schoß.
Er ist ein Kindlein worden klein, der alle Ding erhält allein.
Was für die Physik das Dunkle, Unbekannte, Verwirrende ist, bekommt durch Weihnachten ein Gesicht. Ein menschliches Gesicht, vor dem sich niemand fürchten muss. Von Weihnachten her können wir wissen, was die dunkle Energie ist, über deren Natur die Physiker rätseln: es ist Liebe, ein glühender Backofen voll leidenschaftlicher Liebe, wie es Martin Luther ausgedrückt hat.
Wenn eine Naturwissenschaft etwas richtiges über die Welt herausfindet, muss sie irgendwann auf Gott stoßen. Natürlich an der Grenze, wo sie nichts mehr messen und erkennen kann. Denn die Geschöpfe können ihren Schöpfer nicht vermessen.
Leider wissen Naturwissenschaftler inzwischen kaum noch etwas von Gott. Und umgekehrt beschäftigt sich kaum ein Theologe mit der Naturwissenschaft. Aber ein Anfang ist gemacht.
Gott hat wieder Raum im Denken.
So kann Weihnachten wieder neue Kraft bekommen. Vielleicht nur von wenigen bemerkt, am Anfang, wie damals im Stall. Doch es reicht wenn wir ahnen, was es bedeutet, dass der Herr selber, der wirklich alles trägt und erfüllt, unsere arme Gestalt angenommen hat. Das verbindet uns ganz direkt mit dem Schöpfer des Lebens.
Das Heil in der Krise
Predigt am Heiligen Abend 2011
in Bopfingen und Pflaumloch
über Jes 9, 1-11
Euch ist heute der Heiland geboren, haben die Engel den Hirten gesagt. Der Heiland, der Heil bringt.
Heil ist ein altes Wort. Es wird heute kaum noch benutzt. Aber die Sehnsucht nach Heil ist noch da. Wir spüren in ganz verschiedenen Bereichen, dass etwas fehlt, dass etwas zerbrochen ist, dass etwas heil werden müsste.
„Euch ist heute der Heiland geboren!“ Doch gibt es eine Chance, dass sich diese Sehnsucht erfüllt? Wie soll es aussehen, wenn das Heil kommt?
In der ersten Lesung vorhin haben wir gehört, wie der Prophet Jesaja den neuen König angekündigt hat. Damals war die Not groß im Land Israel. Die assyrische Armee hatte den Nordteil des Landes erobert. 732 vor Christus, das weiß man genau. Es war grauenvoll, wie brutal die Soldaten bis ins letzte Dorf gewütet haben.
Als die Not am größten war, hat der Prophet gesprochen und angekündigt: Es wird nicht für immer dunkel bleiben.
Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht. ... Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter.
Damals ist wirklich ein Kind geboren, ein Sohn des machtlosen Königs. Und über dieses Kind hat der Prophet gesagt:
„Seine Herrschaft wird groß sein und des Friedens wird kein Ende sein in seinem Königreich, dass er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.“
Der Name dieses Königssohn war Josia. Das Volk hat Hoffnung geschöpft. Als Josia erwachsen war, ist er mit einer großen Armee in den Norden gezogen. Und er hat tatsächlich das Land von der Gewaltherrschaft der Assyrer befreit. Die Leute haben gejubelt, als König Josia die assyrische Armee immer weiter zurückgedrängt hat.
Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht. ... Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter.
Aber in der letzten Schlacht ist König Josia gefallen. Und es hat nicht lange gedauert, bis das Land Israel erneut von Feinden besetzt war.
So ist es eigentlich immer: manchmal wird etwas gut. Doch das hält nie lange, dann kommt es wieder anders. Auch der schönste Aufschwung mündet in die nächste Krise. Wenn man schon ein gewisses Alter hat und das ein paar Mal erlebt hat, findet man sich damit ab: „Alles gut“ gibt es nicht.
Es ist allerdings erstaunlich, dass das Prophetenwort nicht vergessen worden ist – obwohl sich nach dem Tod von König Josia so überdeutlich gezeigt hat, dass er nicht „von nun an bis in Ewigkeit“ geherrscht hatte und dass die großen Namen, die ihm der Prophet gegeben hatte: Wunder- Rat, Gott- Held, Ewig- Vater, Friede- Fürst – dass diese Namen für diesen König ein paar Nummern zu groß gewesen waren.
Doch offenbar haben die Menschen die Hoffnung nicht aufgegeben, die Hoffnung auf einen König, dem diese Namen passen würden.
Wieder und wieder haben sie geglaubt: „Jetzt ist es so weit! Dieser Hoffnungsträger muss der erwartete Sohn sein!“ Jedes Mal ist ihre Hoffnung enttäuscht worden.
Inzwischen schauen wir auf eine sehr lange Geschichte enttäuschter Hoffnungen zurück. Auch wir modernen Menschen sind inzwischen ernüchtert. Der Fortschritt scheint an eine Grenze zu kommen. Wo die eine Krankheit besiegt wurde, erhebt sich eine neue. Und die Lebenserwartung in unserem Land sinkt inzwischen wieder – wenigstens für die Geringverdiener.
Ist nicht die Enttäuschung zwangsläufig vorprogrammiert, wenn wir auf das Heil warten?
Ja, so lange wir in die falsche Richtung schauen, ist die Enttäuschung vorprogrammiert. Vielleicht hat auch der Prophet damals das Heil aus der falschen Richtung erwartet. Er hat gemeint, es würde alles besser, wenn es gelingen würde, die Feinde aus dem Land zu vertreiben, wenn ein mächtiger König auf dem Thron sitzen würde.
Und vielleicht schauen wir in die gleiche falsche Richtung, wenn wir denken es würde dann alles besser, wenn das was uns Sorgen macht, aus dem Weg geräumt ist, wenn alle Krankheiten besiegt sind.
Wir Menschen sind ja manchmal furchtbar vernagelt. Und nachdem es die Menschen trotz aller Propheten Jahrhunderte lang nicht kapiert haben, hat Gott es uns noch einmal gezeigt, überdeutlich – durch Jesus.
Wenn wir auf Jesus schauen, müssen wir uns umdrehen, sozusagen nach unten schauen. Denn Jesus hat in den bescheidensten Verhältnissen gelebt, von Anfang an. „Euch ist heute der Heiland geboren“ hat der Engel den Hirten gesagt. Als die sich nach Bethlehem aufgemacht haben, um das göttliche Kind zu suchen, haben sie wahrscheinlich mehr erwartet. Gefunden haben sie aber nur ein Kind, das in genauso ärmlichen Verhältnissen gelebt hat, wie sie selber.
Dabei ging es der kleinen Familie damals im Stall sogar noch vergleichsweise gut. Kurz darauf mussten sie fliehen, ins Ausland, waren der Willkür der ägyptischen Behörden und den Leuten dort ausgeliefert.
Der Heiland ist aus diesen prekären Verhältnissen, wie man heute sagen würde, nie herausgekommen. Er hat nie auf einem Thron gesessen – obwohl die Propheten durch die Jahrhunderte das angekündigt haben. Er hatte niemals die Macht, Recht und Gerechtigkeit durchzusetzen. Und ist, für unsere Maßstäbe, viel zu früh gestorben.
Deutlicher konnte Gott es nicht zeigen. Das Heil kommt nicht, wenn Kriege, Krisen und Krankheiten verschwunden sind. Sondern das Heil ist mitten drin in Kriegen, Krisen und Krankheiten.
Am Heiligen Abend haben wir das ganz deutlich vor Augen: Die Szene im Stall mit dem neugeborenen Kind in der Krippe, Maria und Josef dabei. In einem Stall! Eigentlich unmöglich. Wenn so etwas heute bei uns geschähe, würden sich sofort alle staatlichen und karitativen Dienste vom Jugendamt bis zum „Advent der guten Tat“ in Bewegung setzen, um das Kind da herauszuholen. Damit das „Kindswohl“ nicht gefährdet wird.
Doch das Kindswohl ist gar nicht gefährdet. Trotz dem unhygienischen Stall. Sondern mitten in den ärmlichen äußeren Umständen hüllt das Heil die kleine Familie ein.
Friede und Heil sind möglich, auch wenn Kriege, Krisen und Krankheiten bleiben. Auch wenn das Heil manchmal nur für ein paar Stunden spürbar ist.
Durch die unmöglichen Verhältnisse, in die der Heiland hineingeboren ist, zeigt uns Gott, wo wir das Heil finden. Nämlich genau da, wo wir jetzt sind. Auch wenn uns im Augenblick angst und bang ist.
Wir brauchen nicht zu warten, bis die unseligen Umstände beseitigt sind. Denn da könnten wir lange warten. Das Heil ist schon hier – jetzt – auch wenn die nächste Krise sich abzeichnet oder die nächste Krankheit – oder das Sterben.
Und das Heil ist deshalb schon jetzt da, weil es unser Leben von allen Seiten umfängt. Weil uns Gottes großes und endgültiges Heil schon immer begleitet – hinter den Kulissen der sichtbaren Welt.
Die mittelalterlichen Maler haben das darzustellen versucht, indem sie den Himmel auf ihren Bildern golden gemalt haben. Sie haben natürlich den Himmel draußen genauso blau gesehen wie wir alle. Doch sie haben auf ihren Bildern sozusagen den Vorhang beiseite gezogen und einen Blick erlaubt auf das, was hinter der sichtbaren Welt liegt: auf Gottes Heil, das so allgegenwärtig ist wie der Himmel.
Der Maler Friedrich Herlin hat auf seinem Bopfinger Altar einen Strahl aus dem goldenen Himmel direkt auf das Jesuskind fallen lassen: Gottes Heil kommt hinein in die bescheidensten Verhältnisse.
So lange wir es erst dann erwarten, wenn die Probleme beseitigt sind, schauen wir in die falsche Richtung. Doch das Kind in der Krippe zieht unseren Blick auf sich. Und wird – inmitten des unhygienischen Stalles – zum Wunder- Rat, Gott- Held, Ewig- Vater, Friede- Fürst. Seine Herrschaft hat kein Ende.
Verbunden mit den Verstorbenen
Predigt am 20.11.2011 (Totensonntag)in Bopfingen
über 1.Thess 4, 13-18
Pfr. M. Rau
Aus unserer Gemeinde sind seit dem vergangenen Totensonntag 34 Menschen gestorben. Viele von den Angehörigen sind heute in den Gottesdienst gekommen. Bei Ihnen ist der Schmerz noch ganz frisch.
Doch auch wenn der Verlust eines Menschen, mit dem wir das Leben geteilt haben, schon länger zurückliegt, kann der Schmerz immer wieder durchbrechen. Weil der Verstorbene so sehr fehlt. Und niemand ihn ersetzen kann.
Freilich, wir sind ja Christen. Dürfen wir überhaupt so sehr trauern? Eigentlich wissen wir ja: die Toten werden auferstehen. Im Glaubensbekenntnis vorhin haben wir das miteinander gesprochen.
Aber das nimmt den Schmerz ja nicht weg. Auch bei den frühen Christen, die das Glaubensbekenntnis formuliert haben, war das nicht anders. Vielleicht war für sie der Tod sogar noch erschreckender als für uns. Denn die ersten Christen waren überzeugt: Wir werden gar nicht sterben. Der Tod ist überwunden.
Für die Christen damals war das eine ganz reale Hoffnung. Weil viele von ihnen selbst erlebt haben, dass der Tod Jesus nicht festhalten konnte. Sie haben Jesus wiedergesehen, den lebendigen Jesus, nach seiner Kreuzigung, nachdem er ins Grab gelegt worden war. Sie haben es erlebt: Er ist auferstanden. Da war ihnen klar: Jesus hat den Tod besiegt!
Und das haben sie weitergedacht: „Wenn der Tod besiegt ist, dann bleibt uns der Tod erspart! Jesus Christus kommt bald wieder, lange bevor wir sterben. Wir werden, so, wie wir sind, in das ewige Leben eingehen – die ganze Gemeinde auf einmal, alle miteinander.“
So haben die ersten Christen gelebt ohne Angst vor dem Tod! „Uns kann nichts passieren!“ Für sie hat es ausgesehen, als ob der uralte Traum der Menschheit wahr geworden wäre.
Doch das erste Jahr ist verhangen - und Christus ist nicht wiedergekommen. Dann noch ein Jahr und noch ein Jahr.
Natürlich haben sich die Christen auch unter den Verhältnissen in der normalen Welt zurechtgefunden. Sogar sehr gut. Die christlichen Gemeinden haben ausgestrahlt und immer mehr Leute sind dazugekommen. Denn das Leben der Christen hatte inmitten aller Mühe des Alltags etwas leichtes und unbeschwertes: Eben weil sie keine Angst mehr hatten, keine Angst vor dem Tod.
Aber irgendwann kam der Tod doch in die Gemeinde. Das war ein Schock: Nicht Christus kam, um die Seinen ins ewige Leben zu holen, sondern der Tod ist gekommen. Der hat jemand aus der Gemeinde weggerissen, der geliebt worden ist, der geliebt hat, und der noch so dringend gebraucht worden wäre.
Mit einem Mal war es vorbei mit der Leichtigkeit. „Was bedeutet das jetzt?“, haben die Christen gefragt? „Ist der Tod doch nicht besiegt?“
Und als dann wieder jemand gestorben ist und noch jemand, sind die Christen sehr unruhig geworden. Das Fundament ihres Glaubens ist ins Wanken gekommen. Und in der Not hat die Gemeinde in Thessaloniki, in Griechenland, an den einen Brief geschrieben, der ihre Gemeinde und ihre Hoffnung gegründet hat: an den Apostel Paulus. Einen Brief mit all ihren Fragen und Zweifeln.
Und Paulus hat ihnen geantwortet.
Wir wollen euch aber, liebe Brüder, nicht im Ungewissen lassen über die, die entschlafen sind, damit ihr nicht traurig seid wie die andern, die keine Hoffnung haben.
Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die, die entschlafen sind, durch Jesus mit ihm einherführen.
Denn das sagen wir euch mit einem Wort des Herrn, dass wir, die wir leben und übrig bleiben bis zur Ankunft des Herrn, denen nicht zuvorkommen werden, die entschlafen sind.
Denn er selbst, der Herr, wird, wenn der Befehl ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, herabkommen vom Himmel, und zuerst werden die Toten, die in Christus gestorben sind, auferstehen.
Danach werden wir, die wir leben und übrig bleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden auf den Wolken in die Luft, dem Herrn entgegen; und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit.
So tröstet euch mit diesen Worten untereinander.
1. Thess. 4, 13 – 18
Eins ist klar: Paulus hat immer noch fest damit gerechnet, dass er nicht sterben muss. „
Wir, die wir leben und übrigbleiben, werden denen nicht zuvorkommen, die entschlafen sind.“ Für ihn ist und bleibt es sicher: Jesus kommt bald, sehr bald. Es werden nur ganz wenige sein, die vorher sterben.
Er hat aber trotzdem etwas gesagt über die, die jetzt schon gestorben sind. Und was er damals gesagt hat, das kann uns bis heute helfen, mit dem Tod eines geliebten Menschen umzugehen.
Paulus sagt: „Weil Jesus gestorben und auferstanden ist, werden auch die Christen, die jetzt sterben, auferstehen – genauso wie Jesus. Denn das ist für Paulus die Grundlage seines Glaubens: Was Gott mit Jesus getan hat, das tut er mit jedem Christen.
Denn jeder Christ geht in den Fußstapfen Jesu.
Indem er versucht, so zu leben, wie Jesus gelebt hat. Aber nicht nur indem er so lebt, wie Jesus. Sondern wenn ein Christ stirbt, dann stirbt er, wie Jesus auch gestorben ist. Und dann wird ihn Gott auch auferwecken, wie er Jesus auferweckt hat.
Das Entscheidende ist dabei die Taufe: die Taufe, so sieht das für Paulus aus, verbindet uns mit Jesus. Aber nicht nur irgendwie locker. Sondern wer getauft ist, schreibt Paulus im Römerbrief,
wächst mit Christus zusammen - untrennbar.
Das ist ein ungeheurer Gedanke. Wir gehen ja in der Regel davon aus, dass Jesus etwas ganz besonderes gewesen sei, nicht zu vergleichen mit anderen Menschen:
Er, denken wir, war der Sohn Gottes – wir sind bloß normale Menschen – und was für normale! Jesus, denken wir, war allwissend und ausgestattet mit lauter übernatürlichen Fähigkeiten – wir dagegen sind beschränkt auf das Wenige, was Menschen tun können.
Doch vielleicht schätzen wir uns da falsch ein – und Jesus auch. Denn Jesus hat die Probleme, die er hatte, nicht weggezaubert. Und er hatte sehr wohl Probleme: Aus Nazaret, wo er aufgewachsen ist, hat man ihm hinausgeworfen. Und wenn er irgendwo erzählt hat, dass Gott auch die akzeptiert, die normalerweise leider draußen bleiben müssen, dann ist ein Sturm der Entrüstung bei den rechtschaffenen Leuten losgebrochen.
Wenn bei Jesus Kranke gesund geworden sind, dann haben ihn Zuschauer verleumdet: „Er betreibt Teufelszauber!“ Gerade die Frommen, bei denen sich Jesus eigentlich zu Hause gefühlt hat, haben ihn am Schärfsten angegriffen.
Und was hat Jesus dagegen getan? Auch nichts anderes, als wir tun können, wenn wir Probleme haben, wenn wir gemobbt werden: immer wieder hat er sich aufgeregt, hat seinen Zorn herausgelassen mit ganz scharfen Sätzen (Jesus konnte furchtbar zornig werden).
Aber schließlich blieb ihm nichts übrig, als wegzugehen – weiterzugehen und zu hoffen, dass er woanders Leute trifft, die offener sind.
Eines aber hatte Jesus den meisten Leuten voraus: sein unerschütterliches Vertrauen auf Gott: „Gott weiß, was er tut. Sein Wille geschehe. Wenn Gottes Wille geschieht, ist es gut – auch wenn ich es nicht verstehe.“
Aber auch das war nichts Übernatürliches und nichts Übermenschliches. Deshalb war für den Apostel Paulus klar: In Jesus ist Gott so sehr Mensch geworden, dass er mit uns auf gleiche Augenhöhe gekommen ist. „
In der Taufe“, so hat es Paulus ausgedrückt,
„wachsen wir mit ihm zusammen. Wir werden Glieder Christi, wie unsere Füße und Arme Glieder des Körpers sind“ (Röm 6). Und weil wir so mit Christus verbunden sind, können wir tatsächlich in seinen Fußstapfen gehen: im Leben, im Tod – und in der Auferstehung.
„Deshalb“, schreibt Paulus der verunsicherten Gemeinde, „macht euch keine Sorgen, weil jemand gestorben ist. Jesus ist doch auch gestorben. Und? Hat es ihm geschadet? Nein. Er lebt. Und so sicher, wie er lebt, werdet ihr auch leben. Ihr seht eure Verstorbenen doch wieder. Bald werden alle, die Verstorbenen und wir, die wir noch leben, „beim Herrn sein allezeit.“
Freilich, Paulus hat ja immer noch gedacht, dass es nur eine Frage von ein paar Wochen oder höchstens Monaten wäre, bis Jesus kommt und alle ins ewige Leben holt. So lange könnten wir auch warten.
Doch heute, nach 2000 Jahren, in denen Christus nicht mit den Wolken des Himmels gekommen ist, rechnet ja niemand mehr damit, dass diese Welt demnächst zu Ende geht.
Wenn bei uns jemand aus seiner Familie weggerissen wird, dann müssen die Hinterbliebenen allein weiterleben, jahrelang, oft Jahrzehnte. Später, in der Ewigkeit, gut, da sieht man sich vielleicht wieder. Aber wir leben jetzt. Jetzt fehlt uns der geliebte Mensch. Die Trennung ist das Schlimme.
Das Erstaunliche bei Paulus ist nun aber: er nimmt die Trennung gar nicht so richtig ernst. Und der tiefe Grund dafür ist nicht, dass für ihn das Ende der Welt greifbar nahe war (womit er sich ja getäuscht hat). Paulus nimmt die Trennung nicht ernst, weil er jetzt ganz fest auf Jesus Christus schaut.
Für Paulus hängt alles an Jesus Christus: das Leben, der Tod, diese irdische Welt und Gottes neue Welt. Jesus Christus, der Auferstandene umgreift alles.
Genau das hat Paulus mit diesen für uns befremdlichen Bildern beschrieben: Wenn diese irdische Welt zu Ende geht, dann wird er selbst
, Jesus Christus, wenn der Befehl ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, herabkommen vom Himmel. Dann werden die Toten auferstehen und zusammen mit denen, die bis dahin noch leben, werden sie von der Erde hinweg genommen, durch die Wolken in die Luft: dem Herrn entgegen.
Diese Bilder von göttlichen Befehlen, Erzengeln und Posaunen waren die Bilder seiner Zeit. Das haben die Leute damals verstanden. Wir haben andere Vorstellungen. Doch was Paulus mit seinen Vorstellungen zum Ausdruck gebracht hat, gilt nach wie vor:
Jesus Christus ist der, der durch die Himmel schreitet, aus Gottes neuer Welt hinein in unsere Welt und zurück, hin und her. Er ist der Herr, für ihn gibt es keine Grenzen. Und so verbindet er diese Welt mit der anderen.
Und so hält er uns und unsere Toten beieinander. Denn, so beschreibt es Paulus mit den Bildern seiner Zeit, Wenn Christus wiederkommt geht er nicht zuerst auf die zu, die bis dahin durchgehalten haben. Nein, zuerst, ja zuerst, das ist Paulus wichtig, ruft er die, die schon gestorben sind. Als ob er die ganze Zeit an sie gedacht hätte. Als ob er sich nach ihnen gesehnt hätte. Keinen, keinen einzigen hat Christus vergessen.
Das ist der Kern von dem, was Paulus den Christen in Thessaloniki schreibt: Für Christus verschwinden die Verstorbenen nicht irgendwo im Vergessen, sondern sie sind ihm so unmittelbar präsent wie die Lebenden.
Und wenn sie ihm, dem Herrn über Leben und Tod präsent sind, dann sind sie nicht tot, dann leben sie, auch als „Verstorbene“. Denn wenn Christus ins neue Leben ruft, kann der Tod keinen Verstorbenen mehr halten.
Weil Paulus so fest auf Christus schaut, kann er die, die sterben, in Frieden dort sein lassen, wo sie sind. Auch wenn er sie nicht mehr sieht und nicht mehr mit ihnen reden kann. Weil er weiß, dass Christus sie im Blick hat. Weil er weiß, dass sie für Christus präsent sind. Und dass Christus sie ins neue Leben ruft.
So gibt es für Paulus eine Brücke. Eine Brücke zwischen uns und unseren Verstorbenen. Diese Brücke ist Jesus Christus. Er geht hin und her zwischen unserer Welt und der anderen Welt, in der unsere Toten jetzt sind.
Das können wir nicht. Wir können nicht hinter den Vorhang schauen. Wir müssen Abschied nehmen, wenn ein Mensch stirbt, mit dem wir das Leben geteilt haben. Deshalb bleibt uns die Trauer, der Abschiedsschmerz nicht erspart. „Doch“, sagt Paulus, „wir brauchen nicht so traurig sein wie die, die keine Hoffnung haben.“ Vor allem brauchen wir unsere Verstorbenen nicht loszulassen.
Denn wir setzen unsere Hoffnung auf Jesus Christus. Er ist die Brücke. Weil er unser Herr ist und zugleich der Herr derer, die schon gestorben sind. Tatsächlich: ER, der zwischen den Welten hin und hergeht, hält die Verbindung.
Deshalb brauchen wir, wie Paulus sagt, nicht so traurig zu sein wie die, die keine Hoffnung haben.
Auch wenn unsere Verstorbenen nicht mehr so bei uns sind wie vorher – wir wissen, dass sie nicht weit fort sind. Sie sind uns genauso nahe, wie uns Christus nahe ist. Und wie nahe er uns ist, das können wir ja immer wieder erleben. Wenn wir beten. Wenn wir merken, wie seine Kraft in uns strömt. Wenn wir sein Wort hören, als Wegweisung fürs Leben.
Dadurch bleiben wir mit unseren Verstorbenen verbunden. Denn auf der anderen Seite, drüben in der anderen Welt, strömt dieselbe Kraft, seine Kraft denen zu, die wir lieb haben und die uns schon vorausgegangen sind. Er hält uns beieinander.
Die Macht der Worte
Predigt am Buß- und Bettag, 16.11.2011, in Bopfingen
über Mt12, 33-37
Nehmt an, ein Baum ist gut, so wird auch seine Frucht gut sein; oder nehmt an, ein Baum ist faul, so wird auch seine Frucht faul sein. Denn an der Frucht erkennt man den Baum.
Ihr Schlangenbrut, wie könnt ihr Gutes reden, die ihr böse seid? Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.
Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus dem guten Schatz seines Herzens; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatz.
Ich sage euch aber, dass die Menschen Rechenschaft geben müssen am Tage des Gerichts von jedem nichtsnutzigen Wort, das sie geredet haben.
Aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verdammt werden.
Der Buß- und Bettag war ja bis 1995 ein staatlich- kirchlicher Feiertag. Der preußische Staat hat 1893den Buß- und Bettag auf den Mittwoch vor dem Letzen Sonntag des Kirchenjahres festgelegt und die anderen Länder haben den Termin übernommen. Vorher wurden Bußtage von der Obrigkeit bei Bedarf spontan ausgerufen, wenn eine Krise das Volk bedroht hat.
Dann sollte das ganze Volk Buße tun. Krisen, Katastrophen wurden damals noch als Warnsignal Gottes angesehen. An einem solchen Bußtag war die ganze Bevölkerung angehalten, das eigene Leben zu überdenken und wenn nötig etwas zum besseren zu ändern und Gott um Gnade zu bitten.
So gesehen passt der Buß- und Bettag in diesem Jahr eigentlich sehr gut zu den dunklen Wolken, die sich über Europa zusammenziehen.
Doch heute kommt kaum jemand auf die Idee, eine Krise als Warnsignal Gottes zu verstehen. Und unser Staat hat den Bußtag schon vor 16 Jahren abgeschafft.
Trotzdem sind wir heute hier im Bußtagsgottesdienst. Was bedeutet Buße für uns?
Wir begegnen dem Wort Buße eigentlich nur noch, wenn wir beim Autofahren geblitzt worden sind und ein Bußgeld zahlen müssen. Das ist ärgerlich. Man hat den blöden Blitzer übersehen und nimmt sich vielleicht vor, an dieser Stelle künftig nicht mehr zu schnell zu fahren. Aber dann überweist man das Bußgeld und vergisst das ganze.
Doch eigentlich meint Buße etwas ganz anderes. Das deutsche Wort Buße kommt von Besserung. Wer Buße tut, bessert sich, ändert also sein Leben.
Und das ursprüngliche griechische Wort im Neuen Testament ist noch radikaler: Es meint nicht nur, dass man etwas falsches nicht mehr tut, sondern bedeutet „Sinnesänderung“, eine Neuausrichtung des gesamten Denkens.
Vorher haben wir nun diese Jesusworte gehört. Aber passen die zu diesem Sinn von Buße?
„Ein guter Baum bringt gute Früchte, ein fauler Baum bringt faule Früchte. Ihr Schlangenbrut! Wie könnt ihr gutes reden, die ihr böse seid?“
Hier geht es nicht um eine Neuausrichtung des Denkens Die einen sind gut, die anderen sind böse. Wer böse ist, kann nichts gutes tun. Dabei bleibt es.
Nein, das passt nicht zur Buße. Das passt auch nicht zu dem, was Jesus am Anfang seines Wirkens als Programm ausgegeben hat:
„Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist da. Tut Buße und glaubt an dieses Evangelium.“
Anfangs war Jesus zuversichtlich, dass die Menschen, wenn sie nur hören, wie Gott wirklich ist, gar nicht anders können, als ihr Denken neu auszurichten. Wenn sie hören, dass Gott ja gar kein kleinkarierter Bürokrat ist, der eifersüchtig über der Einhaltung seiner Gesetze wacht. Sondern ein großzügiger Gott, der mit vollen Händen aus seinem Überfluss austeilt.
Doch vielen damals war der kleinkarierte Bürokrat lieber. Als Jesus einmal einen Kranken geheilt hat, der blind und stumm war, hat der Geheilte gejubelt und Gott gedankt. Doch drum herum haben Leute das Gesicht verzogen und gesagt: „Das war gar nicht Gott. Jesus ist mit dem Teufel im Bund! Mit Hilfe des Teufels macht Jesus die Menschen gesund.“
Da ist Jesus wütend geworden. So wütend war er sonst eigentlich nie. Er ist richtig ausgerastet. Und hat gesagt:
„Diese Sünde wird euch nie vergeben werden, nicht in dieser und nicht in jener Welt.“ Und dann:
„Ihr Schlangenbrut! Ihr könnt gar nichts Gutes reden, weil ihr böse seid!“
Jesus ist zornig geworden über diese Leute. Weil sie stur an ihrem alten Denken festgehalten haben. Wo die Welt eingeteilt war in die Erfolgreichen und die Versager, die Starken und die Krüppel, die Frommen und die Gottlosen. Sie selber waren dabei natürlich die Frommen. Und das sollte bitteschön auch alles so bleiben. Die Erfolgreichen, Starken und Frommen haben ja auch gut damit gelebt.
Durch seine Heilungen hat Jesus diese für die Erfolgreichen so komfortable Ordnung aber durcheinandergebracht. Krüppel konnten auf einmal gehen, konnten selbst führ ihren Lebensunterhalt sorgen und haben Gott gelobt. Die Gleichung: ein Krüppel ist ein Versager ist ein Gottloser hat nicht mehr funktioniert.
Deshalb konnten sich die Erfolgreichen und Frommen nicht an den Heilungen freuen. Deshalb haben sie gesucht, wie sie Jesus auf die Seite der Gottlosen schieben können: „Bestimmt macht er die Kranken mit Hilfe des Teufels gesund.“
Sonst hat Jesus ja vieles ausgehalten. Er hat selbst vorgelebt, dass man seine Feinde lieben kann. Warum ist der dann hier so ausgerastet?
Weil die Unterstellungen dieser Frommen – du bist mit dem Teufel im Bund – Zweifel gesät hat bei allen, denen das zu Ohren gekommen ist.
Wir kennen so etwas gut: Da argumentiert jemand sehr überzeugend – zB. wenn es um Stuttgart 21 geht – man hört es und denkt: der Mann hat recht. Doch dann wirft ein anderer ein: „Wenn Stuttgart 21 nicht gebaut wird, wird Baden- Württemberg vom Fortschritt abgehängt!“ Damit ist kein einziges Argument entkräftet. Aber Zweifel ist gesät. Und weil die Sache nicht mehr ganz klar ist, hält man sich lieber heraus und trifft für sich keine Entscheidung.
Genauso ist es Jesus gegangen. Viele, die zuerst von ihm begeistert waren, sind mit der Zeit vorsichtig geworden. „Ich glaub’s ja eigentlich nicht, dass Jesus mit dem Teufel im Bund ist, aber wer weiß?“
Doch Vorsicht ist Misstrauen. Wer vorsichtig ist, kann nicht vertrauen. Eben auch nicht auf Gott vertrauen.
Deshalb ist Jesus so zornig geworden.
Ich sage euch, dass die Menschen Rechenschaft geben müssen am Tage des Gerichts von jedem nichtsnutzigen Wort, das sie geredet haben. Aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verdammt werden.
Bei den Frommen, die das Misstrauen gegen ihn gesät haben, hat Jesus keine Möglichkeit zur Besserung gesehen. Aber für uns können wir aus Jesu Worten doch etwas wichtiges erkennen. Wir können uns klar machen, welches Gewicht Worte haben.
Aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verdammt werden. Worte sind nicht Schall und Rauch. Worte können gutes bewirken oder Schaden anrichten.
Neuausrichtung des Denkens, um die es heute am Buß- und Bettag geht, kann für uns bedeuten, dass wir besser auf die Worte achten. Auf die, die wir sagen und auf die, die wir hören.
Interessant finde ich, dass Jesus nicht die bösen Worte anprangert, sondern die nichtsnutzigen.
Ich sage euch aber, dass die Menschen Rechenschaft geben müssen am Tage des Gerichts von jedem nichtsnutzigen Wort, das sie geredet haben.
Wirklich böse Worte sagen wir selten und hören wir auch selten. Aber die nichtsnutzigen, die bloß so hingesagten sind ebenso gefährlich. Weil sie Misstrauen säen und so das Vertrauen behindern.
Das betrifft auch bei uns den Glauben. Als Kinder haben wir wahrscheinlich noch selbstverständlich geglaubt: Gott hat die Welt geschaffen. Dann haben wir irgendwann gehört: „Stimmt doch gar nicht! Das war alles Zufall.“ Und da war das fraglose Vertrauen weg.
Daran hängt dann der ganze Glaubens- Rest. Wenn jemand gerade noch einem Unfall entgangen ist und sagt: „Da hat mich Gott bewahrt“ und erntet ein mitleidiges oder spöttisches Lächeln. Dann hat der Zweifel, ob es Gott überhaupt gibt, schon wieder Verstärkung bekommen. Das ist kein militanter Atheismus, oft nur dahingesagte Sätze.
Buße, eine Neuorientierung im Denken könnte sein, wenn wir, bevor wir in dieser Richtung etwas sagen, uns selber fragen: Habe ich Gründe für meinen Zweifel, dass hier Gott am Werk war? Habe ich bessere Gründe, als den, dass die Mehrheit nicht mit Gott rechnet?
Andersherum könnte Buße in diesem Zusammenhang auch bedeuten, dass wir sehr bewusst überlegen, ob sich Ereignisse in unserem Alltag vielleicht mit Gott in Verbindung bringen lassen. Also dass wir ganz bewusst nach den Spuren suchen, die Gott in unserem Leben hinterlässt. Und damit für uns selber den nichtsnutzigen Worten widersprechen.
Worte, hören wir von Jesus, sind keineswegs Schall und Rauch. Sie richten Schaden an oder tun Gutes.
Jesus hat dann gesagt:
Wes das Herz voll ist, geht der Mund über, hat Jesus gesagt. Aus einem guten Herzen kommen gute Worte und aus einem bösen böse Worte.
Aber vielleicht hat Jesus damit nicht alles im Blick gehabt. Doch vielleicht sind Worte nicht nur eine Einbahnstraße. Vielleicht gibt es auch den umgekehrten Weg: Was der Mund sagt, geht zu Herzen.
Martin Luther empfiehlt in seinem kleinen Katechismus, das eigene Herz regelmäßig durch Einübung guter Worte neu zu orientieren: „Des Morgens, so du aus dem Bette fährest, sollst du dich segnen mit dem heiligen Kreuze und sagen: Ich glaube an Gott, den Vater ... und das Vaterunser beten.“
Wer den Tag unter den Zeichen des Kreuzes beginnt, seinen Glauben bekennt und mit den Worten Jesu betet, setzt auf jeden Fall den nichtsnutzigen Worten, die in seinem Herzen liegen, gute, starke Worte entgegen.
Und macht sich am Beginn des Tages bewusst, wer der Allmächtige ist, der Schöpfer des Himmels und der Erde.
Und die guten, starken Worte, die wir in den Mund nehmen, machen uns auch ein gutes Stück weit immun gegen die Flut des nichtsnutzigen Geschwätzes, das wir den Tag über hören.
An diesem Bußtag macht uns Jesus aufmerksam, wie mächtig Worte sind. Wir kennen diese mächtigen Worte, wir kennen sie sogar auswendig. Vielleicht ist es nur ein kleiner Schritt zur Buße, zur Besserung: Dass wir die mächtigen Worte viel öfter in unseren Mund nehmen.
Nicht nackt nach dem Tod
Predigt am 13.11.2011
beim ökumenischen Gottesdienst zum Volkstrauertag
über 2.Kor 5, 1-10
Pfr. M. Rau
Als ich noch ein Kind war, hat mir vor den grauen Tagen im November gegraust. Die Bäume verlieren ihre Blätter und es ist nass und kalt. Ich habe mich danach gesehnt, dass der ertste Schneefällt, und das trostlose Grau bedeckt.
Inzwischen ist das aber anders. Mir graust nicht mehr vor den nebligen Novembertagen, obwohl sie noch genauso trüb sind wie in meiner kindheit. Inzwischen tut mir diese Jahreszeit sogar gut, wenn die Natur sich zurückzieht und stirbt. Und wenn ich spüre, dass ich auch ein Teil dieser Natur bin, dass ich einmal genauso vergehen werde wie die Blätter im nassen Gras.
Der November ist kein fröhlicher Monat. Aber ich kann ja auch nicht immer fröhlich sein. Und mir tut es gut, dass mir der November Raum gibt für die traurigen Gefühle, die ich ja auch in mir habe. Denn, dass ich vergänglich bin wie das Laub, dass ich sterben muss, das gehört zu mir dazu. Wenn ich so tun wollte, als ob ich ewig jung und fit bleiben könnte, müsste ich mir ja dauernd etwas vormachen.
Wenn ich mich dagegen vom Vergehen der Natur daran erinnern lasse, dass mein Leben in einem Bogen verläuft, komme ich in Einklang mit mir selbst.
Doch ich weiß: viele Leuten geht es anders mit dieser trüben Jahreszeit. Das ist auch verständlich. Denn es kommt ganz stark darauf an, was für uns Sterben bedeutet.
Heute hören wir als Predigttext, was der Apostel Paulus dazu an die Gemeinde in Korinth geschrieben hat (2. Kor 5, 1-10).
Wir wissen ja: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.
Darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, unsere Behausung, überzuziehen, die vom Himmel ist, weil wir dann auch als Ausgezogene nicht nackt dastehen werden.
Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir, weil wir nicht nackt, sondern bekleidet sein wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben. Weil es aber Gott selber ist, der uns in diese Verhältnisse hineingestellt hat, hat er uns zugleich als Vorschuss seinen Geist gegeben.
So sind wir in jeder Lage zuversichtlich, und wissen: solange wir noch im Leib zu Hause sind, wohnen wir fern vom Herrn; denn im Glauben gehen wir den Weg, nicht im Schauen. Doch wir sind zuversichtlich und haben Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn.
Darum ist es uns eine Ehrensache, ob wir daheim sind oder fern von ihm, dass wir unserm Herrn wohlgefallen.
Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder bekomme, was er durch seinen Leib getan hat, gutes oder böses.
Was wird aus uns, wenn wir gestorben sind? Paulus gibt keinen klaren Fahrplan an für die Zeit nach dem Tod. Sondern statt klarer Angeben häuft er Bilder auf Bilder:
Unser Leben als eine windschiefe Hütte – dagegen wartet ein Haus im Himmel.
Der Tod macht uns nackt – dann werden wir neu eingekleidet. Jetzt sind wir in der Fremde – dann werden wir daheim sein.
All diese Bilder ineinander und übereinander. Hätte es Paulus nicht klarer sagen können?
Nein. Sonst hätte er es getan. Doch das, was nach dem Tod sein wird, kann man nicht klar und eindeutig beschreiben. Weil unser Verstand zwar zu allerhand taugt, wenn es um das Leben in dieser Welt geht. Gottes ewige Welt fasst er einfach nicht. Und deshalb können wir von dieser ewigen Welt bloß andeutungsweise reden, in Bildern, die immer in der Schwebe bleiben. Sonst liegen wir von vornherein falsch.
Aber lassen wir doch einfach einmal diese Bilder auf uns wirken und achten darauf, was sie in uns auslösen.
Wir wissen ja: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.
Ich sehe da eine Hütte vor mir, wie wir sie einmal in einem Pfarrgarten hatten, ein ehemaliger Ziegenstall, die Stützbalken morsch, immer wieder geflickt, Reste von staubigem Heu drin. Sie hing schließlich so schief dass unsere Kinder nicht mehr drin spielen durften.
So eine Hütte, sagt Paulus, ist mein Leben. Schön ist sie nicht, dafür staubig und finster und schrecklich baufällig. Aber sie ist mein Leben, alles, was ich habe. Ich brauche doch Wände und ein Dach um mich.
Doch irgendwann wird die Hütte abgebrochen. Ich ziehe den Kopf ein und warte, dass nun alles zu Ende ist. Dass mir der Regen und die Kälte den Garaus macht.
Aber nichts geschieht. Ich sehe auf und merke: ich stehe ja gar nicht schutzlos im Freien. Sondern um mich und über mir, über meiner abgebrochenen Hütte, erhebt sich ein Haus, ein großes, weites, helles Haus. Und darin bin ich geborgen. Darin war ich die ganze Zeit schon geborgen. Ich habe es bloß nicht gemerkt, weil die baufällige Hütte meine Welt war.
Dann wechselt Paulus zu einem zweiten Bild: Wir haben Angst davor, nackt zu sein. Es gibt ja solche Träume, wo man sich nackt durch eine Menschenmenge laufen sieht. Alle starren. Vor Scham möchte man sich verkriechen. Aber es gibt kein Schlupfloch, nur überall Menschen, die starren. Davor haben wir Angst, dass wir einmal nackt dastehen, schutzlos ausgeliefert sind.
Aber Paulus sagt: Nein, wenn wir sterben, werden wir nicht ausgezogen, sondern überkleidet, mit einem Gewand vom Himmel, einem Gewand, in dem wir uns wohlfühlen und das uns passt. Und das alte Gewand, das, was wir bisher waren, wird uns nicht genommen. Sondern das Sterbliche wird verschlungen vom Leben. Aufgenommen in dieses neue Leben.
Ein schönes Bild. Es wird uns nichts weggenommen, wenn wir sterben, es geht nichts verloren. Sondern so wie wir jetzt sind, mit allem, was uns wichtig ist, mit allem, was wir getan und gedacht haben, werden wir überkleidet mit neuem Leben.
Das hat natürlich eine Folge, die uns vielleicht weniger angenehm ist. Wenn wir sterben, dann streifen wir nicht unsere Taten und Untaten, unsere Versäumnisse und Fehler ab, wie wir die schmutzige Arbeitshose am Samstagabend ausziehen. Sondern so, wie wir sind, mitsamt der schmutzigen Hose, stehen wir auf einmal vor dem Richterstuhl Christi.
Wie wenn ein Bauarbeiter in eine Hochzeitsgesellschaft hineingerät. Auf der Baustelle ist ihm nicht aufgefallen, wie dreckig er ist. Aber im schön dekorierten festlichen Saal sieht er sich mit anderen Augen.
Das meint Paulus, wenn er schreibt:
wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. Da werden wir uns zu ersten mal sehen, wie wir wirklich sind.
Jetzt wissen wir noch nicht, wie wir wirklich sind. Wir vermuten es nur. Ein paar von uns vermuten wahrscheinlich, dass Gott an ihnen nicht viel Freude haben kann. Die meisten aber werden vermuten, dass sie im großen und ganzen schon in Ordnung sind.
Doch Paulus weist alle unsere Vermutungen zurück: Erst vor dem Richterstuhl Christi wird es klar werden. Und dann wird jeder bekommen, was er durch seinen Leib getan hat, es sei gut oder böse.
Muss uns da mulmig werden? Bestimmt werden wir überrascht sein. Doch Dietrich Bonhoeffer hat einmal geschrieben: „Ich glaube, dass es Gott nicht schwerer ist, mit unseren Fehlern und Irrtümern zurechtzukommen, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.“
Für Christus wird es kein Problem sein, wenn wir in einer schäbigen Hose und mit dreckigen Schuhen vor ihm stehen. Ein Problem wird das höchstens für uns, wenn wir unsere Erscheinung zeitlebens ganz anders eingeschätzt haben. Und erst vor Christi Richterstuhl merken, wie wir wirklich sind.
Doch das ist kein Grund, sich Sorgen zu machen. Ich werde gelassen wenn ich sehe, wie ungemein zuversichtlich Paulus diesem Gerichtstermin entgegensieht. Und das nicht, weil er eine blütenweiße Weste hätte. Sondern weil er weiß, wer da richtet: Der Herr!
In diesem ganzen Briefabschnitt kommt ja so überdeutlich heraus, wie sehr sich Paulus danach sehnt, beim Herrn zu sein. Alles andere ist noch nicht das eigentliche, nicht das Richtige.
Wir haben Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn, schreibt er. Weil es wirkliches Daheimsein nur dort gibt, in diesem Haus, das nicht von Menschen gebaut ist.
Lust, den Leib zu verlassen – so eilig haben wir es wahrscheinlich nicht. Da war Paulus einen Schritt weiter als jeder von uns. Aber er hat auch nicht den Tod gesucht. Er konnte warten. Weil er überzeugt war, dass dieses himmlische Haus, diese neue Kleidung ja auch wartet. Und bereit steht, wenn die irdische Hütte abgebrochen wird.
„Es kann doch gar nichts passieren“, das war die Grundeinstellung von Paulus.
Auch wenn wir uns fern vom Herrn fühlen – wir sind es ja gar nicht. Denn das himmlische Haus ist immer schon da. Wir sehen es noch nicht, weil uns die Hütte unseres Lebens den Blick einstweilen noch versperrt. Trotzdem umgibt das himmlische Haus unsere windschiefe Hütte schon jetzt. Es erwartet uns.
Und bis dahin hat Paulus mit einer entschlossenen Zukunftsperspektive gelebt: „
Darum ist es uns eine Ehrensache, ob wir schon daheim sind oder noch in der Ferne, dass wir unserm Herrn wohlgefallen.“
Ob wir hier leben oder dort, ob in der Hütte oder im Himmelshaus, ob wir den Tod noch vor uns haben oder hinter uns ist nebensächlich.
Beim Herrn sein ist unsere Zukunft. Und diese Zukunft hat längst begonnen.
Wie geht Versöhnung?
Predigt beim Familiengottesdienst in Bopfingen
zu 1. Mose 50, 15- 21
am 6.11.2010
Pfr. M. Rau
Josefs Brüder lebten einige Jahre lang als Gäste von Josef und dem Pharao in Ägypten. Bis der hochbetagte Vater Jakob starb. Da bekamen die Brüder Angst: Josef muss keine Rücksicht mehr auf den Vater nehmen. Jetzt kann er sich rächen.
Ich lese den Schluss der Geschichte aus dem 1. Buch Mose vor:
Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns böse sein und uns all das Böse vergelten, die wir ihm angetan haben.
Darum ließen sie ihm sagen: Vergib uns doch, was wir getan haben, wir sind doch Kinder des gleichen Vaters!
Aber Josef weinte, als sie das zu ihm sagten. Und er sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr wolltet es böse mit mir machen, aber Gott hat es gut gemacht.
So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.
Es ist erstaunlich: trotz dem, was seine Brüder ihm angetan haben - sie haben ihn schließlich in die Sklaverei verkauft, er hat seine Heimat nie mehr wiedergesehen - hat Josef keinen Hass mehr in sich.
Das ist erstaunlich, weil es nicht selbstverständlich ist. Wie oft habe ich schon den bitteren Satz gehört: „Vergeben habe ich – aber vergessen werde ich das nie.“
Josef hat es vergessen. Er war nicht bitter. Er hatte keinen Groll im Herzen. Er konnte frei und unbeschwert leben. Wie hat er das gemacht?
Wir haben gehört, was er gesagt hat:
Ihr wolltet es böse mit mir machen, aber Gott hat es gut gemacht.
Ich denke, für die Versöhnung braucht es drei Schritte. Der erste Schritt ist, dass wir merken: Aus dem Schlimmen ist ja doch Gutes geworden. „
Gott hat es gut gemacht.“ Die Brüder wollten Josef loswerden. Wenn er als Sklave gestorben wäre, hätte es sie nicht gekümmert. Doch Gott hat aus dem Sklaven Josef den Herrscher über Ägypten gemacht.
Im Rückblick hat Josef gesehen: Gott hat mich die ganze Zeit geführt, auch wenn ich ganz unten war. Er hat mich nie verlassen.
Das ist der erste Schritt zur Versöhnung, dass wir merken: Durch das Schlimme, was mir jemand angetan hat, bin ich zwar verletzt worden. Aber aus Gottes Hand bin ich deshalb nicht herausgefallen. Und das allein zählt!
Der zweite Schritt ist dann, dass wir uns mit unserer Lebensgeschichte versöhnen, so wie sie eben gewesen ist.
Josef hat im Rückblick gesehen: Nichts von dem, was ich durchstehen musste, war vergeblich. Nur weil mein Leben so verlaufen ist, genauso, mit hilfloser Verzweiflung, harter Arbeit, Verrat und Gefängnis – nur durch genau diesen Weg bin ich hierher gekommen.
Das ist bei jedem von uns so: Wir stehen wo wir stehen, weil unser Leben genauso verlaufen ist, wie es eben war. Es ist ja nicht alles schief gegangen, sondern es ist auch gutes geworden.
Natürlich stehen wir nicht alle da, wo Josef gestanden hat. Wir sind keine Regierungsmitglieder. Aber doch: wir sind etwas.
Wir dürfen bloß nicht geringschätzen, was aus uns geworden ist: Vater oder Mutter, als die wir mitwirken, dass das Leben weitergeht. Mitarbeiterin in der Gemeinde, die an ihrem Platz dazu beitragt, dass andere Menschen etwas von der Güte Gottes spüren können. Ein Mann, der kräftig zupacken kann, eine Frau, die im Gebet andere mitträgt. Dass wir über so viele Jahre lang einen Ehepartner haben, mit dem wir das Leben teilen können.
Wenn wir nur richtig schauen, merken wir, wie auch auf unserem Leben Gottes Segen liegt.
Das ist der zweite Schritt zur Versöhnung, dass ich mich mit meiner Lebensgeschichte versöhne, so, wie sie bisher verlaufen ist.
Und dann erst kann der dritte Schritt kommen: dass ich mich versöhne mit dem, der an mir schuldig geworden ist. Und da können wir jetzt von Josef etwas ganz wichtiges lernen.
Er ist ja seinen Brüdern nicht gleich um den Hals gefallen, als sie nach Ägypten gekommen sind. Das Wiedersehen mit seinen Brüdern hat die alten Wunden wieder aufgerissen.
Josef hat wieder die Verzweiflung gespürt, von damals im Brunnen, als die Brüder ihn hinuntergeworfen und den Deckel zugemacht haben. Er hat wieder die Peitschenhiebe des Karawanenführes gespürt, während seine Brüder das Geld gezählt haben.
Damals war er ihnen ausgeliefert. Jetzt waren sie in seiner Hand. Und der hat seine Überlegenheit ausgenutzt. Er hat sie beschuldigt, ausländische Spione zu sein. Und als sie sich verteidigt haben, sie seien 11 Brüder, ihr jüngster sei zu Hause geblieben, da hat Josef einen von ihnen als Geisel behalten und die anderen heimgeschickt, sie sollten ihren jüngsten Bruder herbringen.
Und als der jüngste Bruder schließlich auch da war, ließ er ihm einen goldenen Pokal ins Gepäck schmuggeln und ihn daraufhin als Dieb verhaften. Erst als die älteren Brüder vor Verzweiflung aufschrieen und sich anboten, an Stelle des Jüngsten ins Gefängnis zu gehen, merkte Josef, dass sie sich im Lauf der Jahre verändert hatten und gab sich zu erkennen.
Josef war nicht von Anfang an edelmütig und großzügig. Er hat seine Brüdern tatsächlich in ihrer Angst zappeln lassen – so, wie sie ihn damals seiner Angst überlassen haben. Er hat sich schon ein bisschen gerächt.
Aber danach konnte er vergeben und vergessen. Für uns scheint das nicht recht zu passen. Vergebung und Rache, sind doch Gegensätze, denken wir. Bei Jesus hören wir doch:
Liebt eure Feinde.
Doch dieses „Feinde lieben“ funktioniert ja nicht so leicht. Vielleicht gehört das, was wir bei Josef sehen, doch dazu. Wenn wir nämlich meinen, wir könnten unsere Feinde lieben und ihnen einfach so vergeben, dann sitzen wir auf einem sehr hohen Ross. Wir sehen uns als die unschuldigen Opfer und die anderen sind die bösen Täter. Da bleibt ein Gefälle, da bleibt ein Blick von oben herab. Und bei so einem Gefälle ist keine Versöhnung möglich.
Nachdem Josef seine Brüder so in ihrer Angst hat zappeln lassen, hatte er keine weiße Weste mehr. Er hat gemerkt: Ich bin zu etwas ganz ähnlichem fähig wie sie. Wäre ich damals an ihrer Stelle gewesen – wer weiß, vielleicht hätte ich auch mitgemacht.
Indem Josef sich ein bisschen gerächt hat, ist er vom hohen Ross heruntergekommen. Und hat mit seinen Brüdern auf dem gleichen Boden gestanden. Und jetzt konnte er zusammen mit ihnen auf Gott schauen:
Ihr gedachtet es böse zu machen, aber Gott hat es gut gemacht.
Das Geheimnis der Versöhnung ist diese neue Blickrichtung: Weg von dem, der mir etwas angetan hat, hin zu Gott, der aus unseren schlimmsten Fehlern und Bösartigkeiten etwas gutes machen kann.
Dann gibt es nicht mehr die bösen Täter und die unschuldigen Opfer, sondern uns Menschen, von denen jeder Einzelne fähig ist, schlimmes Unheil anzurichten. Und uns gegenüber Gott, der viele von unseren Fehlern wieder ausbügelt.
Zur Freiheit befreit
Predigt zum Reformationsfest
am 30.10.2011 in Bopfingen
Pfr. M. Rau
Gottesdienst mit Konfirmanden und Filmszenen
Eben im Film hat Paulus einen unerhörten Satz gesagt: „Christus ist das Ende des Gesetzes!“ Dieser Satz ist wirklich original Paulus. Er steht im Römerbrief (10,4).
Im Film haben wir gesehen, wie schwer es den jüdischen Christen gefallen ist, diesen Satz zu schlucken. Es ging ja um die Beschneidung. Im biblischen Gesetz wird festgelegt, dass die notwendige Zugangsvoraussetzung zur Mitgliedschaft im Gottesvolk die Beschneidung ist. Paulus hat widersprochen: Niemand muss sich beschneiden lassen, wenn er zum Gottesvolk, zur Gemeinde Jesu Christi, gehören will. Und wenn es hundertmal im Gesetz steht. Christus ist das Ende des Gesetzes!
Jakobus, der leibliche Bruder von Jesus konnte sein Leben lang nicht mitgehen mit diesem Satz. Was ist, wenn sich niemand mehr an das Gesetz hält? Bricht dann nicht alles auseinander?
Doch Paulus hat recht. „Christus ist das Ende des Gesetzes.“ Er hat Jesus richtig verstanden.
Natürlich ist das Gesetz ein Rahmen. Wer in diesem Rahmen bleibt, hat einen Halt. Doch das Gesetz ist starr. Es passt nie für alle Fälle und für alle Menschen. Ja, das Gesetz kann sein wie ein Fallbeil. Was nicht in seinen Rahmen passt, wird abgehauen. Das Gesetz ist gnadenlos.
Dabei ist das Gesetz selber etwas Totes. Es sind nur Buchstaben, ohne Geist, ohne Herz, ohne eigenen Willen. Deshalb liegt alles an den Menschen, die das Gesetz benutzen. Wenn es gut geht, kann man durch das Gesetz Menschen schützen. Doch das Gesetz lässt sich auch – und viel leichter – dazu benutzen, andere Menschen klein zu machen oder eigene Interessen durchzusetzen oder sich vor der Verantwortung zu drücken.
Wir leben gerade in einer Zeit, in der das Gesetz immer mehr Macht gewinnt. Immer mehr Lebensbereiche werden vom Gesetz geregelt. Ein Gesetz regelt, welche Krümmung eine Gurke haben darf. Alle anderen landen auf dem Müll. Wir dürfen nicht mehr selbst entscheiden, mit welchem Licht wir unsere eigenen Wohnungen beleuchten: Glühbirnen sind verboten.
Letzten Herbst wurde in einem Kieshaufen auf einer Baustelle in Aalen eine kleine Schlange entdeckt. Früher hätte ein beherzter Bauarbeiter das Tierchen genommen und ins Gebüsch getragen. Inzwischen ist so ein Fall gesetzlich geregelt. Der Bau wurde gestoppt und der Kieshaufen abgesperrt. Dann wurde ein Standort für ein Ersatzbiotop gesucht. Es wurde nach den Vorgaben der zuständigen Behörde hergerichtet. Aber als das Biotop ein halbes Jahr später fertig war und man die Schlange suchte, um sie umzuquartieren, war sie verschwunden.
Ein Schildbürgerstreich, man könnte herzhaft darüber lachen, wenn nicht solche Fälle mit einem geradezu tierischen Ernst exekutiert würden. Ohne Rücksicht auf die Kosten und vor allem ohne Rücksicht auf den gesunden Menschenverstand.
Und man könnte darüber lachen, wenn es nur Gesetze über Gurken und Schlangen wären. Aber die gesetzliche Regelungswut greift auch da ein, wo das Leben selber beeinträchtigt wird.
ZB im Pflegeheim. Die Pflegerichtlinien bestimmen¸ dass die Hilfe beim Händewaschen nach dem Essen 1-2 Minuten dauern darf. Doch bis die Schwester die Bewohnerin, die gerade ihre Marmeladebrotstückchen aufgegessen hat, überhaupt überzeugt hat, dass es nun wichtig wäre, aufzustehen und die Hände zu waschen, können schon drei Minuten vergangen sein. Bis die Bewohnerin dann mit dem Rollator in ihrem Zimmer angekommen ist, weitere 4 Minuten. Dann ist suie so müde, dass sie sich erst einmal aufs Bett setzt. Bis die Bewohnerin endlich vor dem Waschbecken steht, sind wieder ein paar Minuten vergangen. Das eigentliche Händewaschen dauert dann wirklich nur ein bis 2 Minuten. Aber bis sie wieder draußen am Tisch sitzt, vergeht weitere Zeit.
Nach dem Gesetz sollten inzwischen die übrigen 10 Leute auch mit gewaschenen Händen am Tisch sitzen. In Wirklichkeit ist es nur eine Bewohnerin.
In Wirklichkeit schaffen die Pflegekräfte beim allerbesten Willen nicht, was sie nach dem Gesetz ganz locker schaffen müssten. Das Gefühl der Überlastung auf der einen Seite und das Gefühl, nicht gut versorgt zu sein auf der anderen Seite können wir uns vorstellen.
Doch Gefühle zählen nicht. Das Leben im Heim wird durchs Gesetz geregelt. Und natürlich findet der medizinische Dienst bei der Kontrolle eine lückenlose Dokumentation all der vorgeschriebenen Verrichtungen. Das Heim bekommt eine gute Note. Um die Menschen aber geht es nur am Rand.
Natürlich gibt es genügend Leute, die das Gesetz gut finden. Heerscharen von Sicherheitsbeauftragter und Beamten verdienen damit ihren Lebensunterhalt.
Und wenn das Gesetz nur eine Branche in Lohn und Brot setzen würde, könnte man es ja hinnehmen.
Doch das Gesetz ist nicht neutral. Je mehr gesetzlich geregelt wird, desto weniger ist der gesunde Menschenverstand gefordert. Und desto weniger die eigene Verantwortung. Denn hinter dem Gesetz kann man sich verschanzen. „Was soll ich machen? Ich finde das ja auch unsinnig, aber ich muss.“
So lange ich mich an das Gesetz halte, bin ich auf der sicheren Seite. Das ist bequem. Da lebt es sich wie hinter einem stabilen Zaun.
Doch so wird das Leben abgewürgt. Buchstäblich.
Das Schlüsselerlebnis für Paulus war, als ihm klar geworden ist: Mit Hilfe des Gesetzes haben sie Jesus ans Kreuz gebracht. Formal ging alles mit halbwegs rechten Dingen zu:
Wenn Jesus gebetet hat, hat er Gott als seinen Vater angeredet. Also hat er behauptet, er sei Gottes Sohn. Im Gesetz der Bibel steht aber: Gott ist einer! Der Gott Israels kann also keinen Sohn haben. Also hat Jesus Gott gelästert. Nach dem Gesetz steht auf Gotteslästerung die Todesstrafe. Und die wurde vollstreckt. „Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muss er sterben“ (Joh 19,7).
„Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig“ (2. Kor 3, 6). Das ist ein anderer provozierenden Satz von Paulus. Der Buchstabe des Gesetzes tötet. Das angeblich so heilige Gesetz lässt sich sogar dazu missbrauchen, den Sohn Gottes aus der Welt zu schaffen.
Und deshalb gab es für Paulus nur eine Konsequenz: „Christus ist das Ende des Gesetzes.“
Aber Christus ist nicht nur das Ende, sondern ein neuer Anfang: „Zur Freiheit hat euch Christus befreit. Darum steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen.“(Gal5,1) Oder: „Ihr seid teuer erkauft, werdet nicht der Menschen Knechte“ (1. Kor 7, 23). Oder „Alles ist euch erlaubt, aber es soll euch nichts gefangen nehmen“ (1.Kor 6,12).
Leben mit Jesus Christus, Vertrauen auf ihn, gibt es nur in Freiheit. Weil Vertrauen nur in Freiheit möglich ist. Vertrauen lässt sich nicht verordnen.
Allerdings, dieses Leben in Freiheit und Vertrauen, das Paulus meint, steht in ganz engem Zusammenhang mit Jesus Christus. Paulus sagt nicht: „Tut einfach, was ihr wollt!“ Sondern: „Alles gehört euch. Ihr aber gehört Christus.“
Praktisch bedeutet das: bei allem, was wir vorhaben, fragen wir: „Jesus, was würdest du jetzt tun?“
Wenn wir so fragen, kommen wir vielleicht manchmal in Konflikt mit dem Gesetz. Aber wir werden – auch ohne Gesetz – nicht stehlen, nicht lügen, nicht morden. Jesus hat ja gesagt: Das ganze Gesetz besteht in diesen zwei Sätzen: „Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen. Und deinen Nächsten wie dich selbst“ (Mt 22, 37ff).
Das genügt. Mehr brauchen wir nicht. Denn dieses wenige kann mehr, mehr als alle Gesetze zusammen. Es kann das Leben menschlich und barmherzig machen. Während die vielen Gesetze das Leben zunehmend abwürgen und die Menschen aus der Verantwortung drängen.
In der Kirche, auch in unserer evangelischen, ist Paulus und seine Haltung zum Gesetz sehr in Vergessenheit geraten. Es wird Zeit, dass wir ihn wieder entdecken. Dass wir seine Briefe lesen und uns von ihm mit dem Geist der Freiheit anstecken lassen, anstecken lassen mit dem Geist Jesu Christi selbst.
Suchen als Lebenshaltung
Ökumenischer Gottesdienst bei den Heimattagen
am 9.10.2011 in der Stadtkirche Bopfingen
Pfr. M: Rau
„Suchet, so werdet ihr finden!“ (Mt 7, 7)
Das ist ein Satz von Jesus. Zuerst hört er sich vielleicht an, wie eine Binsenweisheit: Ist doch klar, wenn man den verlegten Schlüssel nicht sucht, findet man ihn auch nicht.
Doch Jesus ist nicht dafür bekannt, dass er Binsenweisheiten verbreitet hätte. Was Jesus mit diesem Satz gemeint hat, ist eine Lebenshaltung. Auf der Suche sein ist eine Lebenshaltung.
Freilich eine Lebenshaltung, die wir eher bei jungen Leuten suchen. In der Pubertät, wenn Jugendliche ihre Identität suchen. Oder in den Jahren danach, wenn man einen Partner fürs Leben sucht. Oder seinen Platz in der Gesellschaft: einen Beruf, irgendwelche Ehrenämter in Gemeinderat oder Vereinen.
Aber irgendwann hat man sein eigenes Haus und ist angekommen. Irgendwann hat die Suche ein Ende, hat man seinen Platz gefunden, denken wir.
Vielleicht denkt Jesus da aber anders. Die Frühen Christen hatten eine merkwürdige Selbstbezeichnung. Sie haben sich die „Weg- Leute“ genannt. Die, die auf dem Weg sind. Das ist, aus der späteren christlichen Sicht wirklich merkwürdig. Hat man nicht gerade als Christ endgültig seinen Ort gefunden – ganz nahe bei der Wahrheit? Was soll sonst noch kommen? Wo soll es etwas besseres geben? Die Kirchen versuchen schon immer zu bewahren.
Doch Jesus hat nicht gesagt: Kommt her zu mir, dann habt ihrs gefunden. Sondern er hat seine Jünger losgeschickt: „Sucht, dann werdet ihr finden!“ Und Jahre danach waren diese Jünger – Petrus und Johannes und die Vielen, die inzwischen dazugekommen sind, immer noch auf dem Weg, immer noch auf der Suche. Und haben sich die „Weg- Leute“ genannt.
„Suchet, so werdet ihr finden!“ Hat Jesus das so gemeint, dass wir nur finden, so lange wir auf der Suche bleiben?
Wir Älteren wissen ja schon aus eigener Erfahrung, was passieren kann, wenn man mit dem Suchen aufhört. Nach einer ersten Erleichterung, dass das anstrengende Suchen nun vorbei ist, stellt sich bald Langeweile ein. Das Leben wird zum Trott, die Farbe weicht, ein grauer Schleier legt sich über die täglichen Wiederholungen. Es kann sich das Gefühl einstellen, dass man in einer Sackgasse feststeckt.
Vorige Woche haben die Krankenkassen Alarm geschlagen, weil sich das Burn- out- Syndrom zur Volkskrankheit auswächst – mit ungeheuren Folgekosten. Burn- out, das kommt von dem Gefühl, wenn sich das Leben festgefahren hat und wenn man von der ewig gleichen Mühle mürbe geworden ist.
„Suchet, so werdet ihr finden!“ Es ist, als ob Jesus genau aus dieser Gefahr herausrufen will: „Bleibt Suchende, bleibt auf dem Weg!“
Ein Appell ist aber zu wenig. Denn die Aussicht, seinen Ort zu finden an dem man bleiben kann, nicht mehr weitersuchen zu müssen, ist unwahrscheinlich anziehend. Das ist das Bild von einem Haus mit Garten auf einem Grundstück, das einem selber gehört.
Doch in der christlichen Überlieferung gibt es Bilder, die mindestens genauso stark sind. Eines davon sehen wir hier an der Wand: Christophorus, riesengroß, unübersehbar.
Ich will ihnen heute seine Geschichte erzählen.
Christophorus war ein normales Kind. Doch als er gewachsen ist, hat sich nach und nach gezeigt, dass er ein Riese wird. Irgendwann ist es ihm zu Hause in seiner Familie zu eng geworden. Er hat gemerkt, dass er anders ist – größer, stärker – und seine Eltern haben es auch gemerkt. Sie wollten ihn nicht klein halten. Sondern wollten, dass ihr Sohn einen Beruf findet, der zu ihm passt. Sein Vater hat ihn zu einem Schmied in die Lehre gegeben. „Da kann er seine überschüssige Kraft austoben“, hat er gedacht.
Doch als der großgewachsene Lehrjunge dem Schmied den eisernen Amboss kaputtgeschlagen hat, hat der Schmied ihn weggeschickt. Aber Christophorus ist nicht wieder zu den Eltern zurückgegangen. Er wollte sich einen neuen Meister suchen. Einen, der ihm gewachsen war.
Doch das war nicht so einfach. Zwar hat er immer wieder eine Anstellung bekommen, weil sich Leute von seiner Kraft Gewinn versprochen haben. Doch Christophorus hat gemerkt: für irgendwelche Geschäftemacher als besserer Esel Lasten schleppen, das war nicht die Erfüllung seines Lebens. Er wollte etwas Sinnvolles tun, und wollte nur einem Herrn dienen, vor dem er Respekt haben konnte.
Christophorus war wählerisch und hat sich nicht mehr vom erstbesten verpflichten lassen. Der Mächtigste im ganzen Land ist der König, hat er überlegt. Und so hat er alle anderen Angebote ausgeschlagen und alles drangesetzt, vom König eingestellt zu werden. Tatsächlich ist es ihm gelungen. Jetzt war er persönlicher Beauftragter des Königs für alles, wofür die anderen zu schwach waren. Und eine Zeit lang war er glücklich.
Doch eines Tages hat er den König entdeckt, wie er zitternd und vor Angst weinend auf den Knien lag. Christophorus hat nicht locker gelassen, bis der König zugegeben hat: „Ich fürchte mich davor, dass der Teufel mich holt.“
Da hat Christophorus seine Sachen gepackt. Er wollte für den Mächtigsten arbeiten. Lieber zum Teufel gehen, als seine Kraft an den Falschen verschwenden. Lieber weitersuchen als unzufrieden bleiben.
Und tatsächlich hat er den Teufel gefunden und war bald sein persönlicher Referent und glücklich, wenn der Teufel ihn bei seiner Tätigkeit mitgenommen hat. An der Seite des Teufels hatte Christophorus Zugang zu den Schaltzentralen der Macht in aller Welt.
Doch dann ist ihm aufgefallen, dass der Teufel ihn immer wieder auf komplizierte Umwege und halsbrecherische Abwege geführt hat. Warum? Das hat er bald herausgefunden: Wenn am geraden Weg ein Kreuz stand, wollte der Teufel nicht weitergehen, sondern ist ausgewichen.
Da begann Christophorus sich für das Kreuz zu interessieren. Und er verließ den Teufel, um Christus zu suchen, den man ans Kreuz genagelt hatte, und der doch mehr Macht zu haben schien als selbst der Teufel.
Doch er fand Christus nicht. Nur einen Mönch fand er, der allein im Wald lebte. „Bleib bei mir“, sagte der Mönch, „ich zeige dir, wie du Christus findest.“ Christophorus blieb bei dem Einsiedler und ließ sich unterweisen. Als erstes sollte er fasten – lernen, zu verzichten. Doch das war nicht sein Ding, das merkte er bald. Die Kraft zum Fasten hatte der Riese nicht.
Auch bei der zweiten Aufgabe, die ihm der Einsiedler stellte, beim Beten, gab er bald auf: „Das ist nichts für einen starken Mann. Sag mir, was ich tun kann!“
Und so bekam er einen Auftrag, den er erfüllen konnte und der die Erfüllung seines Lebens werden sollte: am Ufer eines reißenden Flusses in der Nähe auf Menschen warten und sie durch den Fluss tragen.
Das war nicht schwer für ihn, denn er war groß – und stark genug für den reißenden Fluss. Aber es machte ihm Freude und die Dankbarkeit der Menschen tat ihm gut.
Nur Christus hatte er immer noch nicht gefunden. Und immer wieder einmal ertappte er sich bei dem Gedanken, ob er nicht wieder seine Sachen packen und weitersuchen sollte – um für den zu arbeiten, der offenbar der Mächtigste der Welt war.
Eines Nachts weckte ihn die Stimme eines Kindes. Es wollte durch den Fluss getragen werden. Er setzte das Kind ohne Mühe auf seine Schulter und begann in den Fluss hineinzuwaten. Doch die Last auf seiner Schulter wurde schwerer. Ihm, der sonst mit den dicksten Leuten mühelos durchs Wasser gegangen war, wurde jeder weitere Schritt zur Qual. Die Last auf seiner Schulter drückte ihn hinunter, er stolperte, drohte unterzugehen. Mit allerletzter Kraft rettete er sich ans andere Ufer.
„Wer bist du?“, fragte er, nach Atem ringend, das Kind. „Ich bin Christus, den du suchst, der Herr der Welt“, sagte das Kind. „Du bist mir zu mächtig“, sagte Christophorus. „Dir kann ich nicht dienen. Für dich bin ich zu schwach.“ „Du bist nicht zu schwach“, sagte das Kind. „Du dienst mir schon die ganze Zeit. Jeden Menschen, den du durch den Fluss getragen hast, hast du für mich getragen. In jedem Menschen war ich. Und zugleich bin ich die Kraft, die in dir ist. Von jetzt an wirst du Christophorus heißen – Christusträger.“
Für Christophorus hat es sich gelohnt, dass er nicht zu schnell zufrieden war. Dass er gesucht hat. Dass er immer wieder hinter sich gelassen hat, was nicht das Richtige war.
Hatte damit das Suchen ein Ende für Christophorus? Ich glaube nicht. Denn einerseits hat er den Herrn der Welt schon vorher gefunden, als es ihm noch gar nicht bewusst war. „In jedem Menschen, den du durch den Fluss getragen hast, war ich“, hat Jesus gesagt.
Und andererseits war jeder neue Mensch, dem er begegnet ist, eine neue Herausforderung. Die Herausforderung, in diesem leichten oder schweren, gutmütigen oder nörglerischen, sanften oder brutalen Menschen Christus zu suchen.
Bei dieser Suche kommen wir nie ans Ziel. Aber wir landen auch nie in einer Sackgasse.